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Leabhar Cheanannais · um 800 n. Chr.

BOOK— of —KELLS

Das Evangeliar von Kells · Insulare Illumination

Vier Evangelien  ·  340 Folios Kalbspergament  ·  Trinity College Dublin, MS 58

„Das Werk eines Engels, nicht eines Menschen.“ — Giraldus Cambrensis im 12. Jh. über ein irisches Evangeliar; überliefertes Lob, traditionell auf das Book of Kells bezogen (möglicherweise galt es einem anderen Buch).

Das berühmteste Manuskript des Mittelalters — und ein Höhepunkt der insularen, iro-schottischen Klosterkunst. Auf dieser Seite gilt: Die Seite ist das Folio. Statt über die Illumination zu reden, lassen wir sie sich selbst zeichnen — Linie wird Geflecht wird Farbe wird Gold.

Die Signatur · Eine Seite illuminiert sich

Leeres Pergament. Scrolle weiter.

So entstand, Strich für Strich, was wir heute bewundern — die Geste, die ein Mönch über Stunden vollzog, hier in einem Scroll verdichtet.

Was es ist

Vier Evangelien, in Pergament gegossen.

Das Book of Kells — irisch Leabhar Cheanannais — versammelt die vier Evangelien (Matthäus, Markus, Lukas, Johannes) in der lateinischen Vulgata, jenem Bibeltext, den Hieronymus 384 n. Chr. vollendete, durchsetzt mit einigen altlateinischen Lesarten. Dazu Vorworte, Namenslisten und eusebianische Kanontafeln. Geschrieben wurde es um 800 — die alte Zuschreibung an Colum Cille (Columban, †597) als Schreiber gilt als widerlegt; das Buch ist rund zwei Jahrhunderte jünger.

Erhalten sind 340 Folios (680 Seiten), je rund 330 × 255 mm, mit 16 bis 18 Zeilen. Fast jede Seite trägt Schmuck; nur sehr wenige sind ganz ohne Farbe. Mindestens drei Schreiber (in der Forschung Hand A, B, C — vielleicht D) und mehrere Künstler arbeiteten daran. Alle blieben anonym.

⚠ Unvollständig. „340 Folios“ ist der erhaltene Bestand, nicht der ursprüngliche. Schätzungen gehen von einst etwa 370 Folios aus; rund 30 Blätter gingen verloren — viele davon vermutlich beim Diebstahl von 1007.
um 800vermutete Entstehung — nicht „von Columban geschrieben“
340erhaltene Folios aus Kalbspergament (einst ~370)
≥ 3anonyme Schreiber, dazu mehrere Künstler
~185Kälber — grobe Größenordnung für das Vellum, nicht exakt belegt
Stimmungsvolles mittelalterlich-irisches Skriptorium im Kerzenlicht: ein Mönch am Schreibpult mit Federkiel und Pigmenttöpfen, Pergamentblätter, ein Steinraum mit Bogenfenster.
KI-Illustration — ein insulares Skriptorium, im Seiten-Stil erdacht. Keine historische Aufnahme; das vage Knotenwerk ist generisch, kein echtes Folio.

Wo das Buch entstand

Iona — Insel der Mönche.

Die Mehrheitsmeinung verortet das Buch im Skriptorium von Iona, einer Insel vor der schottischen Westküste und Mutterkloster jener Föderation, die Colum Cille um 561 gründete — vielleicht auf Iona begonnen und im irischen Kells (Cenannas, Co. Meath) vollendet.

Iona wurde mehrfach von Wikingern überfallen; bei einem Angriff 806 kamen 68 Mönche um. Daraufhin zog die Gemeinschaft mit ihren Schätzen ins sicherere Kells — wohin wahrscheinlich auch das Buch gelangte.

⚠ Mehrheitsmeinung, kein Beweis. Es konkurrieren Theorien: eine rein in Kells geschriebene Handschrift, oder ein piktisches Skriptorium wie Dunkeld. „Iona“ ist die vorherrschende, aber nicht bewiesene Zuschreibung.

Aus Kalb und Pflanze

Die Farben — und zwei Mythen, die fallen.

Geschrieben auf Vellum, dünn geschabtem Kalbspergament, mit brauner Eisengallustinte. Die Pigmente verriet erst die Mikro-Raman-Analyse der Trinity-Bibliothek — und korrigierte dabei zwei der schönsten Legenden der Buchkunst.

⚠ Kein Lapislazuli. Lange galt das Blau als kostbares Ultramarin aus afghanischem Lapislazuli. Neuere Untersuchungen der Trinity-Bibliothek zeigen: Lapislazuli wurde wahrscheinlich nicht verwendet (TCD: „blue from lapis lazuli was probably not used … as had previously been thought“). Das Blau stammt vermutlich aus heimischem Indigo/Waid.
⚠ Kein Blattgold. Trotz des goldglänzenden Eindrucks enthält das Buch weder Gold- noch Silberblatt. Der „Goldeffekt“ entsteht durch leuchtendes Orpiment (giftiges Arsensulfid). Echtes Gold trug nur der verlorene Einband / Schrein — nie die Seiten. Der berühmteste Goldgrund der Buchkunst hatte gar kein Gold.

Die Grammatik der Illumination

Drei Motive, unendlich verschlungen.

Die insulare Majuskel — eine runde, kräftige Buchschrift — trägt den heiligen Text; um ihn wuchert ein Repertoire aus drei Grundformen. Fahre über jede Karte (oder tippe sie an): jedes Motiv zeichnet sich einzeln.

Knotenwerk

Endlose Flechtbänder, die ohne Anfang und Ende über- und untereinander laufen — die Über/Unter-Logik macht den Knoten.

Spirale

Die keltische Triskele und ihre Verwandten — rotierende Scheiben, die das Auge endlos ins Zentrum ziehen.

Zoomorphe Initiale

Hunde, Vögel und Schlangen, die sich zu Buchstaben verschlingen und in ihr eigenes Geflecht beißen.

Bewege den Zeiger über das Folio — die Lupe vergrößert das Geflecht. (PD-Faksimile, Trinity College Dublin, MS 58.)

Folio 34r

Chi-Rho — die berühmteste Seite.

Das ΧΡΙ-Monogramm — Chi, Rho, Iota, die ersten Buchstaben von Christus im Griechischen — leitet Matthäus 1,18 ein, die Geburt Christi. Die Buchstaben lösen sich fast vollständig in ein Geflecht aus Spiralen, Knoten und winzigen Tierchen auf. Trinity College nennt sie „the single most famous page in medieval art“.

Unter den rund zehn ganzseitigen Großminiaturen ist auch Maria mit dem Kind (Folio 7v) — eine der ältesten Mariendarstellungen der westlichen Buchmalerei.

⚠ Unvollendet. Mehrere Seiten zeigen begonnene, nie ausgeführte Dekoration; eine wohl geplante Kreuzigung auf Folio 123v blieb leer. Das Buch ist nicht „fertig“ — ein menschliches, berührendes Detail.
Maria mit dem Kind, Folio 7v des Book of Kells — eine der ältesten westlichen Mariendarstellungen, thronend, von Engeln umgeben.
Folio 7v — Maria mit dem Kind. PD-Faksimile (Werk um 800), Trinity College Dublin, MS 58.
Incipit-Seite zum Matthäusevangelium, Folio 29r: das reich verzierte „Liber generationis“ in dichtem Knotenwerk.
Folio 29r — Incipit Matthäus, „Liber generationis“, in reichem Knotenwerk. PD-Faksimile, Trinity College Dublin, MS 58.

Annalen von Ulster · zum Jahr 1007

Gestohlen — und unter einer Grasnarbe gefunden.

In der Nacht wurde das Buch 1007 aus der westlichen Sakristei der großen Steinkirche zu Cenannas entwendet — nicht wegen seines Textes, sondern wegen seines kostbar gearbeiteten Schreins.

„the great Gospel of Columkille, the chief relic of the Western World …“

Wenige Monate später fand man es wieder — „under a sod“, unter einer Grasnarbe, ohne seinen goldenen, juwelenbesetzten Einband. Das gewaltsame Lösen vom Schrein erklärt vermutlich die fehlenden Blätter an Anfang und Ende.

⚠ Allgemein angenommen. Die Gleichsetzung des „great Gospel of Columkille“ mit dem heutigen Book of Kells gilt als allgemein angenommen, ist aber nicht zweifelsfrei bewiesen.
Eusebianische Kanontafel, Folio 5r des Book of Kells: Zahlenkolonnen unter gerahmten Säulenarkaden mit Knotenwerk und Tierornament.
Folio 5r — eine eusebianische Kanontafel unter gerahmten Arkaden. PD-Faksimile, Trinity College Dublin, MS 58.

Heute

Trinity College Dublin.

1654 wurde das Buch während Cromwells Feldzug nach Dublin in Sicherheit gebracht; 1661 gab es Bischof Henry Jones an das Trinity College — dort liegt es seither als Handschrift MS 58. 1953 band Roger Powell es in vier Bände neu, sodass mehr als ein Band zugleich gezeigt werden kann.

Jeweils ein Band liegt aufgeschlagen, regelmäßig umgeblättert; das Werk ist vollständig digitalisiert und frei online einsehbar. Über 500 000 Besucher kommen jährlich; seit 2011 steht es im UNESCO-Register „Memory of the World“.

Ein zwölfhundert Jahre altes Buch, das noch immer die Spur jeder Hand zeigt — die fertigen Seiten ebenso wie die nie vollendeten.