Michael Curtiz · Kertész Mihály · 1942
Casablanca
„Here's looking at you, kid."
Vielen gilt er als der vollkommenste Studio-Film der klassischen Hollywood-Ära — ein Melodram aus Nebel und harten Schatten über Liebe, Pflicht und Exil. Inszeniert hat ihn ein Budapester: Kertész Mihály, in Amerika Michael Curtiz.
Manó Kaminer wird Michael Curtiz
Bevor er in Hollywood Geschichte schrieb, hieß er Manó Kaminer und kam in einer jüdischen Familie in Budapest zur Welt.
Er arbeitete am ungarischen Theater und drehte mit „Ma és holnap" (Heute und morgen, 1912) einen der frühesten ungarischen Spielfilme. Bis zu seinem Wechsel über den Atlantik entstanden rund 64 Filme in Ungarn, Österreich und Dänemark. 1926 holte ihn Warner Bros. nach Kalifornien — er war 39. Dort wurde er mit etwa 102 Filmen zum produktivsten Regisseur des Studios.
1905 magyarisierte er den Namen zu Kertész Mihály (ungarisch „Nachname zuerst"; Kertész = „Gärtner"). In den USA wurde daraus Michael Curtiz.
Das Schlüssellicht
Was Sie hier sehen, ist kein Dekor — es ist Curtiz' eigene Handschrift. Ein Lichtkegel wandert über die Seite und holt die Inhalte aus dem Schwarz, wie eine Kamera durch das verrauchte, halbdunkle Rick's Café América.
Curtiz galt als Meister des „high contrast lighting with pools of shadows": harter Hell-Dunkel-Kontrast, fließende Kamera, ungewöhnliche Winkel. Kameramann Arthur Edeson legte Schattengitter wie Gefängnisstäbe über die Figuren und das Lothringer Kreuz der Freien Franzosen ins Licht.
Stil und Stoff verschmelzen: Wer hier liest, schaut buchstäblich in einen Curtiz-Frame. Das Licht soll den Text finden, nicht blenden — bewegen Sie die Maus, und der Kegel folgt.
Prozedural, kein Bildrecht
Schlüssellicht, Jalousien-Schatten, Rauch und Filmkorn sind vollständig im Browser gerechnet — keine Filmstills, keine Plakate. Der Look selbst ist der Inhalt.
Ein Film, geschrieben im Drehen
Die Vorlage war ein nie aufgeführtes Theaterstück: „Everybody Comes to Rick's" von Murray Burnett und Joan Alison. Warner Bros. zahlte im Januar 1942 20.000 $ dafür — damals der Höchstpreis für ein unaufgeführtes Stück.
Das Drehbuch entstand während der Dreharbeiten weiter. Die Zwillinge Julius J. und Philip G. Epstein begannen, gingen zeitweise zu Frank Capras „Why We Fight"-Reihe; Howard Koch arbeitete weiter, Casey Robinson lieferte entscheidende Umschriften. Das Ende stand bei Drehbeginn noch nicht endgültig fest.
Belegt: Das Ende wurde spät geschrieben. Legende: dass „zwei Enden gedreht" worden seien oder „bis zum letzten Drehtag niemand wusste, ob Ilsa bei Rick oder Laszlo bleibt". Der Production Code verlangte ohnehin, dass sie ihren Ehemann nicht für einen Liebhaber verlässt — gedreht wurde eine Schlussfassung, nur spät finalisiert.
- Premiere
- 26·11·1942New York
- Breiter US-Start
- 23·01·1943Los Angeles
- Laufzeit
- ≈102Minuten
- Budget
- ≈1 Mio $878.000–1.000.000
Epstein, Epstein und Koch gewannen den Oscar für das adaptierte Drehbuch; die Writers Guild kürte es 2006 zum „greatest screenplay of all time".
Ein Film der Exilanten
Der bewegendste Faktenkern: Viele Darsteller waren selbst Flüchtlinge vor den Nationalsozialisten. Ein Film von Exilanten über das Exil.
Paul Henreid
Emigrant aus Österreich — spielt den Widerstandskämpfer Victor Laszlo.
Conrad Veidt
Floh aus Nazi-Deutschland — und spielt ausgerechnet den Nazi-Major Strasser.
Peter Lorre
Ungarisch-österreichischer Emigrant, in Hollywood längst Star des Schattens.
S. Z. Sakall
Ungarischer Emigrant; sein Bruder und Schwestern wurden in Lagern ermordet.
Marcel Dalio
Floh aus dem besetzten Frankreich; in Paris hatten die Besatzer sein Bild für Hetzplakate missbraucht.
Madeleine Lebeau
Junge Französin auf der Flucht — ihr „Vive la France!" trägt die Hymnen-Szene.
Im „Duell der Hymnen" übertönt die Marseillaise das deutsche „Die Wacht am Rhein". Es heißt, viele der Emigranten am Set hätten dabei echte Tränen geweint.
Dieser Schatten reicht bis in Curtiz' eigene Familie. Er war jüdischer Herkunft; seine Schwester und deren Familie wurden nach Auschwitz deportiert, wo ihr Mann und zwei der Kinder ermordet wurden. Er half, seine Mutter zu retten, und unterstützte den European Film Fund für geflüchtete Filmschaffende. Hier verschmelzen Leben und Werk — leise, ohne Pathos.
Was wirklich gesagt wird
„Of all the gin joints in all the towns in all the world, she walks into mine." Von allen Spelunken in allen Städten der Welt — und sie kommt ausgerechnet in meine. Rick
„We'll always have Paris." Uns bleibt immer Paris. Rick zu Ilsa
„Major Strasser has been shot. Round up the usual suspects." Major Strasser wurde erschossen. Verhaften Sie die üblichen Verdächtigen. Captain Renault
„Louis, I think this is the beginning of a beautiful friendship." Louis, ich glaube, das ist der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Schlusszeile
„Play it again, Sam" wird im Film nie gesagt.
Ilsa: „Play it, Sam. Play 'As Time Goes By'."Rick: „You played it for her, you can play it for me … Play it!"
Der geflügelte Satz wurde erst durch Woody Allens Film „Play It Again, Sam" (1972) zum Mythos — und in das Gedächtnis eines Films geschmuggelt, der ihn nie enthielt.
Nebel auf dem Rollfeld
Am Ende steht kein Triumph, sondern ein leiser, schmerzender Abschied im Nebel — und eine Melodie, die der Film berühmt machte, ohne sie hervorgebracht zu haben.
„As Time Goes By" stammt nicht aus „Casablanca", sondern von Herman Hupfeld (1931). Max Steiners Filmmusik baut darauf und auf der Marseillaise auf.
Das Flughafen-Finale entstand im Studio (Außenanleihen vom Van Nuys Airport): Das „Flugzeug" war teils ein Miniatur- bzw. Pappmodell, im Nebel verborgen und von kleinwüchsigen Statisten bedient, damit es größer wirkte. Der Nebel war Notwendigkeit und Stilmittel zugleich — genau die Atmosphäre dieser Seite.
Drei Oscars — und eine Frage der Jahreszahl
Curtiz drehte weit mehr als diesen einen Film. Sein Werk reicht von Abenteuer über Musical bis Noir:
Er führte zwei Schauspieler zu ihrem einzigen Oscar — James Cagney und Joan Crawford.
Michael Curtiz starb am 10. April 1962 in Sherman Oaks, Kalifornien, mit 75 Jahren.
Der Beginn einer wunderbaren Freundschaft — begonnen in Budapest.