Cabaret Voltaire · Zürich · 5. (manche: 3.) Februar 1916
Gegen den Sinn · gegen den Krieg · gegen die Kunst.
Diese Seite bricht ihre eigenen Gestaltungsregeln — Dada auch. Sie erklärt Dada nicht nur, sie tut es: gebrochene Hierarchie, überlappende Schnipsel, gestalteter Zufall. Aber die Fakten bleiben präzise. Anarchie in der Form, Ordnung im Inhalt. Dada ne signifie rien.
NEIN jolifanto ZUFALL bambla ô Holländische Meierei R. MuttSpiegelgasse 1 · mitten im Krieg
Am 5. Februar 1916 — manche Quellen nennen den 3. — eröffnen der deutsche Dichter Hugo Ball und die Sängerin und Dichterin Emmy Hennings im Hinterzimmer der Gastwirtschaft „Holländische Meierei" in der Spiegelgasse 1 in Zürich das Cabaret Voltaire.
Es ist das dritte Kriegsjahr. Im neutralen Zürich sammeln sich Emigranten, Pazifisten und Kriegsdienstverweigerer aus halb Europa. Dada ist ihre Antwort auf das Massensterben in den Schützengräben — und auf eine „vernünftige", „zivilisierte" Kultur, die genau dorthin geführt hat. Wenn die Logik in den Krieg führt, dann verwerfen sie die Logik. Mit Unsinn, Zufall, Provokation und Spott negieren sie die herrschenden Werte: anti-Krieg, anti-national, anti-bürgerlich.
„We had lost confidence in our culture. Everything had to be demolished." Marcel Janco
(Deutsche Wiedergabe, sinngemäß: „Wir hatten das Vertrauen in unsere Kultur verloren. Alles musste zertrümmert werden.") Die Provokation auf dieser Seite richtet sich — wie bei Dada — gegen Vernunft, Bürgertum und Kunstbetrieb, niemals gegen die Toten.
Eine internationale, mehrsprachige Runde
Emmy Hennings
Deutschland · Sängerin & Dichterin
Mitgründerin des Cabaret Voltaire und seine eigentliche Bühnenseele: Diseuse, Rezitatorin, Puppenspielerin. In den meisten Erzählungen steht Ball im Licht — ohne Hennings hätte der Abend kein Publikum gehabt.
Hugo Ball
Deutschland · Dichter
Initiator des Cabaret, Pionier der Lautpoesie, verlas 1916 das erste Dada-Manifest. Sein „Karawane" im Pappkostüm wurde zur Ikone der Bewegung.
Tristan Tzara
Rumänien · Dichter
Der lauteste Propagandist Dadas. Sein Manifest von 1918 trug die Bewegung in die Welt — und die Zeile „Dada ne signifie rien."
Richard Huelsenbeck
Deutschland · Dichter
Trommler der simultanen Rezitationen; später Motor des politischen Berlin-Dada.
Hans / Jean Arp
Elsass · Künstler
Erfand den „nach den Gesetzen des Zufalls geordneten" Schnipsel: ließ Papier fallen und klebte es, wo es landete.
Marcel Janco
Rumänien · Maler & Architekt
Schuf die grotesken Masken der Soiréen — und formulierte, warum: das verlorene Vertrauen in die eigene Kultur.
Sophie Taeuber-Arp
Schweiz · Künstlerin & Tänzerin
Tanzte in Jancos Masken, brachte geometrische Strenge in die Dada-Anarchie — und Arps künstlerische Partnerin.
Signatur · Lautpoesie
Ball wollte zurück „zu den hintersten Alchimien des Wortes": Gedichte aus reinen Lauten und Silben ohne Wortsinn, um die durch Krieg und Propaganda beschmutzte Sprache zu verwerfen. Sein berühmtestes Lautgedicht „Karawane" beginnt:
„jolifanto bambla ô falli bambla …"Hugo Ball, „Karawane", 1916
Er trug es in einem kubistischen Kostüm aus blau glänzender Pappe vor — Beine in Röhren, ein hoher Schamanenhut, ein goldener Flügelkragen. Er konnte sich kaum bewegen und wurde von der Bühne getragen: „covered in sweat, I was carried from the stage like a magic bishop."
Bereit. Klicke „Laute zerschlagen", um aus einem Satz fliegende Silben zu erzeugen.
Die Methode · der Zufall regiert mit
Um 1916/17 schuf Hans Arp Collagen, die er „nach den Gesetzen des Zufalls geordnet" nannte: Er zerriss Papier, ließ die Schnipsel auf ein Blatt fallen — und klebte sie dort fest, wo sie landeten. Der Zufall als Mit-Gestalter, befreit vom rationalen, „bürgerlichen" Komponieren.
Genau das tut diese Seite. Der würfeln-Knopf oben rechts arrangiert die Dekoration sichtbar neu — Rotationen, Versätze, Akzentfarben — über einen seedbaren Zufallsgenerator (reproduzierbar, kein Wildwuchs). Was sich nie ändert: die Reihenfolge der Fakten, Zitate und Quellen. Auch wir wählen aus, was bleibt.
Signatur · Zufallsgedicht
„Nimm eine Zeitung. Nimm eine Schere. Wähle einen Artikel … Schneide jedes der Wörter aus … gib sie in einen Beutel. Schüttle sanft. Nimm dann ein Schnipsel nach dem anderen heraus. Das Gedicht wird dir ähneln." Tristan Tzara (Paraphrase nach dem Original-Rezept)
Das Manifest
DADA NE SIGNIFIE
RIEN
Kunst
UNSINN = METHODE
1916 verlas Hugo Ball in Zürich das erste Dada-Manifest. 1918 schrieb Tristan Tzara das wirkmächtigste — voller Widersprüche und Anti-Logik. Es popularisierte Dada international und zog später André Breton an.
Der Trick des Manifests ist, dass es sich selbst widerspricht: ein Programm, das jedes Programm ablehnt. Es behauptet nichts und meint alles. „Dada ne signifie rien" — „Dada bedeutet nichts" — ist kein Eingeständnis, sondern die Pointe.
Ein Wort, das nichts festlegt
Die verbreitetste Erzählung: Huelsenbeck stieß (mit Ball) ein Messer in ein deutsch-französisches Wörterbuch und traf das französische „dada" — das Kinderwort fürs Steckenpferd. Andere Lesart: man wählte das Wort wegen seines kindlich-lautmalerischen Klangs und seiner internationalen Neutralität.
Hugo Ball notierte die Mehrsprachigkeit in seinem Tagebuch: im Französischen „Steckenpferd", im Rumänischen „ja, ja", im Deutschen ein Abschiedsgruß — „ein internationales Wort". Die Bedeutungslosigkeit war Absicht.
Ready-made · die Frage hinter dem Skandal
Marcel Duchamp prägte im New-York-Dada-Umfeld das Ready-made: ein industriell gefertigter Alltagsgegenstand, durch die bloße Setzung des Künstlers zur Kunst erklärt. Der berühmteste Fall: „Fountain" (1917) — ein umgedrehtes Urinal, signiert „R. Mutt 1917", zur Ausstellung der Society of Independent Artists eingereicht und dort abgelehnt. Der Skandal war kalkuliert.
Ein Ready-made stellt nur eine Frage — aber eine, die das Kunstsystem bis heute nicht loswird: Wer entscheidet, was Kunst ist?
Ausbreitung & Ende
Dada verbreitete sich über Zürich hinaus, jede Stadt mit eigenem Schwerpunkt:
In Berlin entstand die Fotomontage (u. a. Hannah Höch, Raoul Hausmann, John Heartfield) — hier nur benannt, nicht vertieft. Um 1924 ging Dada, besonders in Paris, in den Surrealismus über. Die aktive Phase: grob 1916–1924.
Die Strategien aber — Zufall, Appropriation, Performance, Institutionskritik — wirken bis heute nach: in Punk, Netzkunst und im Anti-Design dieser Seite. Und unter allem Lärm lag immer derselbe ernste Grund: Dada war ein Schrei gegen den Krieg. Der Unsinn hatte einen sehr ernsten Sinn.