Der Prachtliebende baut sein Versailles
Fürst Nikolaus I. Joseph Esterházy — auf Ungarisch „a Fényes", der Glänzende — verwandelte ein älteres Jagdschloss in eine Bühne fürstlicher Selbstdarstellung.
Nikolaus I. (1714–1790) besuchte 1764 Versailles und ließ ab den 1760er Jahren bei Fertőd ein Lustschloss errichten, das den Vergleich mit den großen Höfen Europas suchte. Die Hauptbauzeit fiel auf etwa 1762/63 bis 1766; der Wiener Hofbaumeister Johann Ferdinand Mödlhammer begann den Bau, ab 1765 übernahm Melchior Hefele.
Rund 126 Räume, ein eigenes Opernhaus, ein Marionettentheater, ein vergoldeter Festsaal, Sala terrena, Schlosskapelle und ein weitläufiger französischer Garten. Die Anlage galt als außerordentlich kostspielig — rund 13 Millionen Gulden, von H. C. Robbins Landon als „astronomisch" beschrieben.
Einordnung: „Ungarisches Versailles" ist ein populärer Beiname. Robbins Landon nennt als direkteres Vorbild österreichische Schlösser, besonders Schönbrunn. Auch „drittgrößtes Barockschloss Europas" und die oft genannten ~200 Hektar Park sind gängige Tourismus-Angaben — kein kanonischer Rekord, kein UNESCO-Welterbe.
Haydn kommt an den Hof
Ein livrierter Dienstbote, der zum Meister der Wiener Klassik reifte — versorgt, aber abgeschieden, in einer Vier-Zimmer-Wohnung im Musikerhaus.
Joseph Haydn (1732–1809) trat 1761 als Vizekapellmeister unter Fürst Paul Anton in die Dienste der Esterházy; ab 1762 diente er unter dessen Bruder Nikolaus I. Nach dem Tod des alten Kapellmeisters Gregor Werner 1766 wurde Haydn voller Kapellmeister. Er blieb bis zu Nikolaus' Tod 1790 — rund drei Jahrzehnte im Dienst, in Esterháza vor allem ab 1766.
Haydn lebte nicht im Prunkschloss, sondern in einer Vier-Zimmer-Wohnung im Musikerhaus: gut versorgt, doch ein livrierter Dienstbote des Fürsten. Glanz für den Herrn, Arbeit und Abgeschiedenheit für den Komponisten.
Nikolaus spielte selbst leidenschaftlich das Baryton — ein heute seltenes, viola-da-gamba-ähnliches Streichinstrument mit zupfbaren Resonanzsaiten. Für das Lieblingsinstrument seines Dienstherrn schrieb Haydn rund 200 Baryton-Trios (etwa 1765–1775).
Ich war von der Welt abgesondert … und so musste ich original werden.
Joseph Haydn · überliefert von Georg August Griesinger
Die Isolation der ungarischen Provinz zwang und befreite ihn zugleich. Hier entstand ein Großteil seines Werks — rund 107 Sinfonien (Zählweise je nach Werkverzeichnis), Dutzende Opern fürs hauseigene Theater, zahllose Quartette und Messen. Die NZZ nannte Esterháza ein „Versuchslabor der Musikgeschichte".
Hinweis: Das Zitat ist von Haydns Biografen Griesinger überliefert; die deutsche Wiedergabe ist eine gekürzte Paraphrase des belegten Wortlauts.
Gold, das erlischt
Sinfonie Nr. 45 fis-Moll, Hob. I:45, 1772. Im Schluss-Adagio dünnt Haydn die Besetzung schrittweise aus: Ein Instrument nach dem anderen spielt aus, der Musiker löscht seine Notenpult-Kerze und geht ab — bis nur zwei Violinen still ausklingen.
Zu Beginn
Voller Saal — alle Pulte brennen, das Gold leuchtet warm.
Am Ende
Nur zwei Geigen-Kerzen bleiben — der Saal ist dunkel, fast Asche.
- Fagott — verstummt zuerst
- Zweite Oboe & Hörner — folgen
- Kontrabass — geht ab
- Violoncello — nimmt sein Instrument
- Die übrigen Geigen & Bratsche — löschen ihr Licht
- Zwei Violinen — bleiben und klingen still aus
Was wirklich geschah — und was erzählt wird
Das Finale ist musikalisch belegt. Die berühmte Erklärung, warum Haydn es schrieb, ist es nicht — und das macht die Geschichte erst ehrlich.
Die Kerzen erlöschen
In Haydns eigenhändigem Autograph steht an den auslaufenden Stimmen nur „nichts mehr". In zeitgenössischen Abschriften finden sich Regieanweisungen wie „geht ab" und „das Licht auslöschen".
- Die Besetzung dünnt sich im Schluss-Adagio aus.
- Die Musiker verlassen nacheinander die Bühne.
- Am Ende bleiben zwei Violinen (überliefert: Haydn selbst und Konzertmeister Tomasini).
- Die pantomimische Komponente war von Anfang an Teil der Aufführung.
Die Heimreise-Anekdote
Die bekannte Lesart: Der Fürst habe den Sommer in Esterháza immer weiter verlängert; die Musiker hätten zu ihren Familien zurückgewollt; Haydn habe ihm mit dem Finale diskret zur Abreise geraten — und der Fürst habe tags darauf den Aufbruch befohlen.
- Mehrere konkurrierende Versionen (Griesinger, Neukomm, Carpani, Framéry).
- Quellenmäßig nicht eindeutig gesichert.
- Teils vermutlich erst im 19. Jahrhundert entstanden, um das ungewöhnliche Finale zu erklären.
- Die Musikwissenschaft liest das Werk eher als melancholisches Stück denn als bloßen Scherz.
Der Glanz erlischt
Als Nikolaus I. 1790 starb, löste sein Sohn Anton die teure Hofkapelle auf. Haydn wurde mit einer Pension von 1000 Gulden bedacht und behielt seinen Titel — doch ohne tägliche Pflichten war er endlich frei. Der Impresario Johann Peter Salomon holte ihn nach London, wo der einst livrierte Provinz-Kapellmeister als gefeierter europäischer Star empfangen wurde.
Das abgelegene Schloss aber überlebte seinen Stifter nicht im Glanz. Weder Anton noch spätere Erben hielten den Hofstaat in Fertőd; das Opernhaus brannte schon 1779 ab, wurde wiederaufgebaut und Mitte des 19. Jahrhunderts abgerissen. Über Jahrzehnte verfiel die Anlage — die Opulenz verdichtete sich, wie das Finale es vorausgesagt hatte, zur Stille.
Esterháza heute
Renoviert ab 1959, ab 2009 intensiviert: Der mittlere Teil ist heute staatliches Museum, der vergoldete Festsaal trägt Haydns Namen.
Das Schloss bei Fertőd gilt als Hauptbeispiel des ungarischen Profanbarock. Sein Prunksaal heißt heute Haydnsaal; neben dem Schloss in Eisenstadt ist Esterháza ein Zentrum der Haydn-Pflege mit Konzerten und Festivals. Was als Selbstdarstellung eines prachtliebenden Fürsten begann, ist heute vor allem als der Ort in Erinnerung, an dem ein abgeschiedener Kapellmeister zum Meister der Wiener Klassik reifte.