Übersicht Längengrad 52° N · Zeit ⇄ Ort
KI-Illustration: nächtlicher Navigator-Kartentisch mit Messing-Öllampe, ausgerollter Seekarte, einer generischen Messing-Seeuhr im Holzkasten, Kompass und Zirkel.
Das Längenproblem · John Harrison · 1714–1773

Eine Stunde sind 15°Längengrad

Wie eine Uhr die Meere sicher machte.

Die Breite verrieten die Sterne. Die Länge verriet nur die Zeit — und die war auf hoher See nicht zu halten. Ein Tischler aus Yorkshire lernte trotzdem, sie über den Ozean zu tragen.

Weiterscrollen — zwei Uhren, ein Längengrad

KI-Illustration · kein historisches Foto
Die Kernidee

Länge ist ein Zeitproblem.

Die Breite — wie weit nördlich oder südlich man steht — ließ sich seit der Antike aus der Höhe der Mittagssonne oder des Polarsterns ablesen. Die Länge hat keinen solchen festen Himmelsanker. Sie ist eine Frage der Uhr.

Die Erde dreht sich in 24 h einmal um 360°. Kennt man die Zeit am Heimat­meridian und die lokale Sonnenzeit an Bord — Mittag, wenn die Sonne am höchsten steht —, dann liefert allein die Zeitdifferenz die Längen­differenz. Mehr ist es nicht: 15° ≙ 1 Stunde.

Es fehlte nur eine Uhr, die diese Heimatzeit über Monate hält — auf einem schlingernden Schiff, durch Hitze, Kälte und Feuchte. Pendeluhren versagen auf bewegter See; Reibung und Temperatur verfälschten jede Räderuhr. Das war das Problem.

15°
pro Stunde
pro 4 Minuten
1′
pro 4 Sekunden
HEIMAT · 12:00 BORD · 09:00 45° W = 3 h

Schema · Heimatzeit − Bordzeit = Längengrad

22. Oktober 1707

Eine Nacht vor Scilly.

Eine heimkehrende Flotte unter Admiral Sir Cloudesley Shovell lief im Sturm und Dunst auf die Felsen der Scilly-Inseln vor Cornwall. Vier Kriegsschiffe gingen verloren; nach heutiger Schätzung kamen ~1.400–2.000 Menschen ums Leben — eine der schwersten Seekatastrophen der britischen Marine.

Die Navigatoren glaubten, vor der bretonischen Küste zu stehen, waren aber weit nördlich davon: ein Fehler in der Länge.

Ehrlich eingeordnet: Das Unglück wird oft allein dem Längenproblem zugeschrieben. Tatsächlich trugen auch fehlerhafte Karten, ungenaue Kompasse und das Wetter bei. Es war nicht die einzige Ursache — aber der Schock, der den politischen Willen zum Handeln weckte.
KI-Illustration: das Deck eines Segelschiffs des 18. Jahrhunderts bei Nacht unter Sternenhimmel, Masten und Takelage über ruhiger See.
Atlantiknacht — die See, auf der ein Stundenfehler über Leben entschied. KI-Illustration
Das Instrument · zum Anfassen

Zwei Uhren, ein Längengrad.

Stelle die Bordzeit auf den Sonnen­höchst­stand — Mittag. Was deine Heimatuhr dann zeigt, verrät, wie weit nach Osten oder Westen du gefahren bist. Ziehe das Schiff über die Karte (oder nutze Regler, Zahlenfeld und Tasten) — die Bord-Uhr läuft gegen die Heimatuhr, und der Längengrad rechnet sich live.

Heimathafen · Referenz
Heimatmeridian
Bord · lokale Sonnenzeit
Bordmittag = Sonne am höchsten
0° · HEIMAT 000°00′
↤ Schiff ziehen ↦

° (− = West, + = Ost)

Gerechnet wird exakt nach Länge = (Bordzeit − Heimatzeit) × 15°/h. Bordmittag (12:00) ist gesetzt; die Heimatuhr trägt die Differenz. Bereich auf ±180° bzw. ±12 h begrenzt.
Hinweis: Einen einheitlichen Welt-Nullmeridian (Greenwich) gab es zu Harrisons Zeit noch nicht — er wurde erst 1884 festgelegt. „Heimat = 0°“ steht hier neutral für den jeweiligen Referenzmeridian.

8. Juli 1714 · Longitude Act

Ein Parlament lobt ein Vermögen aus.

Der Schock von Scilly und der wachsende Welthandel brachten das Parlament zum Handeln. Der Longitude Act setzte die Commissioners of Longitude — das spätere Board of Longitude — ein und versprach gestaffelte Belohnungen für eine praktikable Methode, die Länge auf See zu bestimmen.

£10.000
Genauigkeit auf 1°
≈ 60 Seemeilen am Äquator — die niedrigste Stufe der Belohnung.
£15.000
Genauigkeit auf 40′
Zwei Drittel Grad — die mittlere Stufe.
Voller Preis
£20.000
Genauigkeit auf 30′ (½°)
Gemessen über eine lange Reise, etwa nach Westindien — heute ein Vermögen von mehreren Millionen Pfund.
Wichtige Genauigkeit: Der „volle Preis“ von £20.000 wurde nie als ein einziger Preis an irgendwen vergeben. Das Board zahlte über Jahrzehnte Teilbeträge an mehrere Beteiligte — der Uhren- und der Mondmethode. Die populäre „eine Person gewinnt das Preisgeld“-Erzählung trifft nicht zu.
Der Tischler baut eine Uhr

Vierzig Jahre, vier Uhren: H1–H4.

John Harrison (1693–1776) lernte das Tischlerhandwerk und war ein weitgehend autodidaktischer Uhrmacher. Aus nahezu reibungsfreien Holzwerken — mit eigener „Grasshopper“-Hemmung und temperatur­kompensiertem Gridiron-Pendel — wuchs über fast vier Jahrzehnte die Lösung des Längenproblems.

Foto der ersten Seeuhr H1 (1730–1735) von John Harrison mit gekoppelten Hantel-Balanciers. CC BY-SA 2.0 · Tatters ❀

H1 ~1730–35

Die erste Seeuhr — groß, mit zwei gekoppelten, gefederten Hantel-Balanciers, sodass die Schiffsbewegung sich aufhebt. Braucht kein Schmiermittel.

Lissabon-Probe 1736 · korrigiert ~60 Meilen

H2 ~1737–41

Kompakter und robuster — kam aber nie zur Probefahrt. Harrison erkannte selbst einen grundsätzlichen Konstruktions­fehler (Empfindlichkeit gegen Drehbewegungen) und gab das Gerät auf.

Vom Erbauer selbst verworfen

H3 ~1740–59

Rund 19 Jahre Arbeit. Sie brachte den Bimetall­streifen und das Käfig-Rollenlager hervor — erreichte die geforderte Genauigkeit aber nicht zuverlässig.

Ein Umweg, der bleibende Bauteile schuf
Foto der Seeuhr H4 (1759) von John Harrison — eine große Taschenuhr im National Maritime Museum Greenwich. CC BY-SA 3.0 · NMM Greenwich

H4 1759

Der Durchbruch — keine Maschine mehr, sondern eine große Taschenuhr (Ø ~13 cm): fünf Ticks pro Sekunde, Diamant-Paletten, Remontoire und Temperatur­kompensation. Die Seeuhr.

Der moderne Schiffschronometer ist geboren
1761–1767 · Prüfung & Konkurrenz

Jamaika gegen die Mondmänner.

H4 wurde geprüft — und zugleich rang eine zweite, astronomische Methode um denselben Preis. Beide waren echt, beide funktionierten. Keine war „der Schurke“.

Die Uhr · Harrison

Die Probefahrt nach Jamaika

1761/62 fuhr Harrisons Sohn William mit H4 nach Jamaika. Nach 81 Tagen 5 h hatte die Uhr nur ~5,1 s verloren — ein Längenfehler von ~1,25′, etwa einer Seemeile. Weit innerhalb der für £20.000 geforderten halben Grad.

Das Board hielt das Ergebnis für möglicherweise zufällig und verlangte eine zweite Probefahrt 1764 nach Barbados — die H4 ebenfalls bestand.

⚠️ Die ~5,1-Sekunden-Angabe stammt aus Harrison-naher Überlieferung — gut belegt, aber als bestmöglicher Wert zu lesen.

Stichdruck-Porträt von Nevil Maskelyne (1732–1811), Astronomer Royal.
Maskelyne · 1804 · PD
Die Sterne · Maskelyne

Die Mond-Distanz-Methode

Man misst den Winkel zwischen Mond und einem Referenzstern; weil der Mond rasch über den Himmel zieht, lässt sich daraus die Referenzzeit ableiten. Nevil Maskelyne, ab 1765 Astronomer Royal, gab ab 1767 den Nautical Almanac mit vorberechneten Mond-Distanzen heraus — und machte die Methode für Seeleute praktisch nutzbar.

Fair eingeordnet: Maskelyne war Verfechter der Mondmethode und zugleich Prüfer von Harrisons Uhr — ein realer Interessenkonflikt. Die populäre Erzählung macht ihn zum Bösewicht; die Forschung sieht beide Methoden als komplementär, und sein Almanac war ein echter Fortschritt.

1765–1773 · Der bittere Bogen

Der Preis, der nie ganz kam.

Harrison hatte das Problem gelöst — doch das Board zahlte nicht den vollen Preis. Es verlangte die vollständige Offenlegung der Konstruktion und den Beweis, dass die Uhr reproduzierbar sei. Erst als sein Sohn William sich beim König Gehör verschaffte und George III. H5 im Frühjahr 1772 persönlich testete, kam Bewegung in die Sache.

1765Zwischenzahlung gegen Offenlegung der H4-Prinzipien; ein zweites Zehntausend an die Reproduzierbarkeit geknüpft.£10.000
1772George III. testet H5 über zehn Wochen — Befund: auf etwa ⅓ Sekunde pro Tag genau. Der König droht, selbst vor das Parlament zu treten.~⅓ s/Tag
1773Das Parlament bewilligt eine Sonderzahlung — nicht den formalen Preis, aber endlich Anerkennung.£8.750
Über sein Leben erhielt Harrison insgesamt rund £23.065
Mehr als £20.000 in Summe — verteilt über rund 36 Jahre — aber nie als der eine große Preis, den der Act versprach. Harrison starb 1776, drei Jahre nach der Parlaments­zahlung, an seinem etwa 83. Geburtstag. (Die Gesamtsumme £23.065 ist die gängige Angabe; einzelne Teilbeträge variieren je nach Quelle.)
Das Erbe · der Chronometer geht zur See

„Unser treuer Freund, die Uhr.“

Larcum Kendall baute eine genaue Kopie von H4, heute K1 genannt. James Cook nahm sie auf seine zweite Weltreise (1772–1775) mit. Anfangs skeptisch, lobte Cook sie überschwänglich — während drei mitgeführte Chronometer eines anderen Herstellers versagten.

„our trusty friend the Watch“ — she „exceeded the expectations of its most zealous advocate.“
Deutsche Paraphrase„unser treuer Freund, die Uhr“ — sie habe „die Erwartungen selbst ihres eifrigsten Fürsprechers übertroffen“.
— James Cook über K1, 2. Weltreise (Originalwortlaut belegt)

Im 19. Jahrhundert wurde der Schiffschronometer Standard­ausrüstung; die Mond-Distanz-Methode blieb noch Jahrzehnte als Kontrolle in Gebrauch und verschwand erst um 1900–1910 mit billigen Uhren und der Funkzeit. Ein einheitlicher Welt-Nullmeridian — Greenwich — wurde sogar erst 1884 beschlossen.

Heute gibt jedes Smartphone die Länge in Sekunden — weil ein Tischler aus Yorkshire lernte, die Zeit über den Ozean zu tragen.