Mit der Schere erfand sie den bewegten Schatten. „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“, 1926 — der älteste erhaltene abendfüllende Animationsfilm.
„Ich glaube an die Wahrheit der Märchen mehr als an die Wahrheit der Zeitung.“ Lotte Reiniger zugeschrieben (überliefert)
Berlin, um 1916
Ein Kind, eine Schere, ein Bettlaken als Leinwand — daraus wuchs ein ganzes Medium.
Charlotte „Lotte“ Reiniger, geboren am 2. Juni 1899 in Berlin-Charlottenburg, verfiel früh dem Scherenschnitt — der deutschen Volkskunst des Papierschneidens. Schon als Schulkind führte sie mit Freundinnen kleine Schattenspiele auf und träumte zunächst von der Bühne.
1916 hörte sie einen Vortrag des Schauspielers und Regisseurs Paul Wegener über die fantastischen Möglichkeiten des Trickfilms. Sie schloss sich Max Reinhardts Ensemble an — anfangs für Kostüme und Requisiten. Wegener bemerkte ihre Silhouetten-Porträts der Kolleg:innen und ließ sie animierte Zwischentitel für seine Filme schneiden.
Ihre Arbeit am „Rattenfänger von Hameln“ (1918) öffnete ihr das Institut für Kulturforschung, ein experimentelles Trickfilm-Studio in Berlin. 1919 entstand ihr Regiedebüt „Das Ornament des verliebten Herzens“. 1921 heiratete sie Carl Koch, der fortan für die meisten ihrer Filme Kamera und Produktion übernahm — eine schöpferische Partnerschaft fürs Leben.
Die Signatur — der Tricktisch
Eine Glasplatte, von unten hell beleuchtet. Darüber die Kamera, senkrecht. Dazwischen flache, schwarze Papierfiguren auf gestaffelten Ebenen — Bild für Bild, 24-mal pro Sekunde, minimal verschoben. Scrollen Sie: das Licht fällt von unten, und die Silhouetten lernen laufen.
Szene · Tausendundeine Nacht
Auf gestaffelten Glasebenen liegt die Szene — Berge hinten, Ranken in der Mitte, die Figur vorn.
Vordere Silhouetten ziehen schneller als die hinteren Ebenen — diese Parallaxe ist Reinigers Multiplan-Tiefe, sichtbar gemacht.
Das Verfahren
Reiniger schnitt ihre Figuren freihändig mit der Schere aus schwarzem Karton und dünnen Bleifolien — die Schere hielt sie ruhig in der rechten Hand, das Papier führte die linke rasch in die richtige Richtung. Gliedmaßen wurden einzeln geschnitten und mit Draht zu beweglichen Gelenken verbunden: eine Figur hatte Dutzende Einzelteile, Hauptfiguren existierten in mehreren Größen für Totale und Nahaufnahme.
Bewegen Sie das Gelenk — so entsteht, Bild für Bild, eine Geste. Genau diese Drehpunkte verband Reiniger mit Draht.
0°
Jede Sekunde Film verlangte vierundzwanzig einzeln fotografierte Bilder. Eine Geste von einer Sekunde ist also vierundzwanzigmal geduldiges Verschieben.
Berlin · 1923–1926
Drei Jahre auf einem Dachboden über einer Garage — und der älteste erhaltene abendfüllende Animationsfilm war geboren.
Finanziert vom Berliner Bankier Louis Hagen, der ihr den Dachboden über seiner Garage als Atelier überließ, arbeitete Reiniger drei Jahre an „Die Abenteuer des Prinzen Achmed“. Die Vorlage: Geschichten aus Tausendundeine Nacht — Aladin und die Wunderlampe, das Zauberpferd, auf dem Prinz Achmed durch die Lüfte reitet. Am Tricktisch halfen Carl Koch (Kamera), Walter Ruttmann und Berthold Bartosch (Effekte/Hintergründe), Alexander Kardan; Wolfgang Zeller schrieb eine eigene Orchesterpartitur für die Live-Begleitung.
Die Bild-Zahlen sind kolportiert — sie werden oft genannt, Quellen weichen leicht voneinander ab.
Eine selbst organisierte Matinee in der Volksbühne am Bülowplatz, für geladene Branchengäste — denn zunächst wollte kein Kino den Film zeigen.
Die glanzvolle öffentliche Premiere in der Comédie des Champs-Élysées, vermittelt durch Jean Renoir.
Erst nach Paris lief der Film im Gloria-Palast regulär in Berliner Kinos.
Die Originalkopien waren eingefärbt (Viragen): Mitternachtsblau für die Nacht, Karmin für die Liebe. Eine Restaurierung 1998/99 — zu Reinigers 100. Geburtstag — rekonstruierte aus einer rund 70 Jahre alten Nitrokopie des Londoner National Film and Television Archive die getönte Fassung der Mai-Premiere.
Multiplan · 1923–1926
Um ihren flachen Silhouettenbildern Tiefe zu geben, staffelte Reiniger die Szenen auf mehreren übereinanderliegenden Glasebenen — Figuren vorn, gemalte Hintergründe hinten — und fotografierte von oben. So entstand eine frühe Form der Multiplan-Kamera, eines der wichtigsten Geräte der vordigitalen Animation, entwickelt schon 1923–1926.
Drei beleuchtete Glasebenen — Hintergrund, Mittelgrund, Figur.
Schattenkünste der Welt
Reinigers Technik ähnelt den großen Schattentheatern der Welt. Doch es ist nicht belegt, dass sie diese kannte, als sie als Kind ihre ersten Schattenspiele machte — die Verwandtschaft ist typologisch, keine Herleitung. Erst später befasste sie sich bewusst damit, reiste in den 1930ern nach Griechenland und schrieb 1970 ihr Buch „Shadow Puppets, Shadow Theatres and Shadow Films“.
London · ab 1949
Eine Frau, die ein Medium mit der Hand erfand — und doch lange im Schatten der großen Studios stand.
Ab 1933 gingen Reiniger und Koch ins Ausland: rastlose Exiljahre zwischen London, Paris und Rom — Arbeit mit Jean Renoir, später mit Luchino Visconti. Nach den Kriegswirren ließen sie sich 1949 dauerhaft in London nieder. „Papageno“ (1935), nach Mozarts Zauberflöte, gehört zu ihren bekanntesten Werken.
Ab 1953 schuf sie mit Primrose Productions über ein Dutzend Grimm-Märchen als Silhouettenfilme, vor allem für die BBC. Über ihr Leben drehte sie rund 60 Filme in sechs Jahrzehnten — die Zählung schwankt zwischen etwa 40 und 60, von denen rund zwei Drittel erhalten sind. Ihr letzter Film: „The Rose and the Ring“ (1979). Sie starb am 19. Juni 1981 in Dettenhausen.