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Magyar Szecesszió · 1885–1914

SZECESSZIÓ

Lechner Ödön Zsolnay · Pécs Eosin & Pyrogranit

Eine eigene ungarische Formensprache — geboren aus Volkskunst, östlichem Ornament und einer neuen Keramik, die im Licht ihre Farbe wechselt. Das Material ist die Botschaft.

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Was ist die Magyar Szecesszió

Eine eigene Formensprache

Um 1900 suchte Ungarn — Teil der Habsburger Doppelmonarchie — nach einem eigenen architektonischen Ausdruck. Die Magyar Szecesszió ist die ungarische Spielart des Jugendstils: verwandt mit der Wiener Secession und dem europäischen Art Nouveau, aber eigenständig durch drei Quellen.

Sie schöpft aus der ungarischen Volkskunst (Blumen, Tulpen, Textilmuster), aus „östlichen“ Vorbildern (Persien, Türkei, Indien, gekachelte Kuppeln) und aus einer neuen Architekturkeramik aus der Manufaktur Zsolnay. Aus diesen Zutaten entstand eine national-romantische Bildsprache — der Wunsch, Identität sichtbar zu machen.

Ihr Wortführer war der Architekt Lechner Ödön. Seine spätere Nachfolge, die „Fiatalok“ (die Jungen) um Károly Kós, wandte sich noch stärker der siebenbürgischen Volksarchitektur zu.

Lechner Ödön (1845–1914), Architekt und Hauptvertreter der ungarischen Szecesszió, historisches Porträt.
Lechner Ödön · 1845–1914 · „der ungarische Gaudí“
Der Architekt

Lechner Ödön —
der ungarische Gaudí

Geboren am 27. August 1845 in Pest, gestorben 10. Juni 1914 in Budapest. Lechner wollte mehr als europäische Vorbilder importieren: Er suchte eine eigenständige ungarische Nationalarchitektur — den Jugendstil verschmolzen mit Volkskunst-Motiven und gekachelten, „östlich“ anmutenden Formen.

„Bisher hatte Ungarn keine eigene Formensprache — also musste sie erst erfunden werden.“

Der Beiname „der ungarische Gaudí“ ist eine spätere Zuschreibung wegen der organischen Linien, der kühnen Farbe und der experimentellen Keramik-Fassaden — keine Schülerschaft. Mehrere Schlüsselbauten Lechners datieren sogar vor Gaudís berühmtesten Werken.

Die Bauten

Drei Häuser, drei Dächer aus Licht

Lechners Keramikdächer leuchten grün-gold, blau und bunt über Budapest — gebrannt aus frostfestem Zsolnay-Pyrogranit.

1893–96 Iparművészeti Múzeum (Museum für Angewandte Kunst), Budapest — grün-gold glasiertes Zsolnay-Keramikdach, eröffnet 1896.

Iparművészeti Múzeum

Museum für Angewandte Kunst

Mit Gyula Pártos. Lechners frühes Hauptwerk — oft als erstes Museum Europas in einem nicht-historistischen Stil bezeichnet. Das grün-gold glasierte Dach aus tausenden Zsolnay-Ziegeln, im Inneren eine weiße, indisch-orientalisch anmutende Ornament-Halle. Kaiser Franz Joseph eröffnete es am 25. Oktober 1896 zum Millennium.

1900–01 Magyar Királyi Postatakarékpénztár (Königlich-Ungarische Postsparkasse), Budapest — buntes Keramikdach mit Bienen und Bienenstöcken.

Postatakarékpénztár

Königlich-Ungarische Postsparkasse

Mit Sándor Baumgarten. An den Fassadenpfeilern klettern Keramik-Bienen zu gelben Bienenstöcken — Sinnbild des Sparens. Auf die Frage nach dem reichen, vom Boden kaum sichtbaren Dachschmuck soll Lechner (überliefert) geantwortet haben: „Die Vögel werden es sehen.“

1896–99 Magyar Állami Földtani Intézet (Geologisches Institut), Budapest — blaues Keramikdach, auf dem vier Atlas-Figuren einen Globus stützen.

Földtani Intézet

Geologisches Institut

Beauftragt 1896, eröffnet 1899. Ein tiefblaues Dach, auf dem vier Atlas-Figuren einen Globus stützen; azurblaue Keramik-Fossilien an der Fassade, höhlenartig gewellte Räume im Inneren.

Zsolnay · Pécs · seit 1853

Das Material ist die Botschaft

Die Manufaktur Zsolnay in Pécs, ab 1863 unter Vilmos Zsolnay zur internationalen Keramik-Marke ausgebaut, lieferte die zwei Erfindungen, die den ungarischen Jugendstil definierten.

Pyrogranit eingeführt 1886

Bei hoher Temperatur gebrannte, säure- und frostfeste Architekturkeramik — ideal für Dachziegel, Fassaden und Außenornament. Sie machte die leuchtenden Dächer überhaupt erst dauerhaft möglich.

Eosin eingeführt 1893

Eine schillernd-irisierende, metallisch wirkende Lüster-Glasur — benannt nach Eos, der griechischen Göttin der Morgenröte. Ihre Farbe wechselt mit dem Betrachtungswinkel: ein changierendes Spiel aus Grün, Granatrot und Gold.

Nahaufnahme einer irisierenden Zsolnay-Eosin-Glasur — metallisch schillernde Oberfläche in Grün, Kupfer und Gold.

Eosin-Schiller — bewege den Cursor über die Kachel: Die Glasur „kippt“ ihre Farbe wie das nasse Dach in der Sonne. Oben Illustration, unten Detailfoto.

Das Ornament

Von der Stickerei zur Fassade

Lechners Ornament kommt nicht aus dem Musterbuch, sondern vom Stoff: aus ungarischer Volksstickerei — Tulpen, Granatäpfel, fließende Ranken. Was die Bäuerin auf Leinen stickte, wurde bei Lechner zu Keramik an der Fassade.

Die Tulpe ist dabei mehr als Blume: ein altes ungarisches Identitätszeichen. Beim Scrollen zeichnet sich hier ein solches Motiv — Linie für Linie, wie eine Nadel den Faden zieht.

Zeitstrahl

Sechs Jahrzehnte Glasur

1853

Zsolnay gegründet

Miklós Zsolnay gründet die Keramikmanufaktur in Pécs.

1863

Vilmos Zsolnay übernimmt

Der Sohn baut die Werkstatt zur international gefeierten Manufaktur aus.

1886

Pyrogranit

Frost- und säurefeste Architekturkeramik — das Material für Lechners Dächer.

1893

Eosin & Museumsbeginn

Die irisierende Lüster-Glasur wird eingeführt; der Bau des Iparművészeti Múzeum beginnt.

1896

Museum eröffnet

Das Museum für Angewandte Kunst wird zum Millennium fertiggestellt.

1899

Geologisches Institut

Das blaue Dach mit dem Globus auf vier Atlanten wird eröffnet.

1901

Postsparkasse

Bienen, Bienenstöcke und buntes Keramikdach — Lechners verspieltestes Werk.

1914

Lechner stirbt

Der Begründer der ungarischen Formensprache stirbt am 10. Juni in Budapest.

Vermächtnis

Bis heute schillernd

UNESCO

Auf der Tentativliste

Mehrere Bauten Lechner Ödöns stehen auf der ungarischen Vorschlagsliste für das UNESCO-Welterbe.

Pécs

Zsolnay produziert

Die Manufaktur arbeitet bis heute; das Zsolnay-Kulturviertel in Pécs macht Pyrogranit und Eosin erlebbar.

Budapest

Ein Stadtbild

Glasierte Dächer prägen die Stadt — von der Matthiaskirche bis zur Großmarkthalle. Die Szecesszió wurde zum ungarischen Identitätssymbol.