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самиздат selbst herausgegeben

SZAMIZDAT

Verbotene Worte, von Hand vervielfältigt.
Ostblock, 1956–1989.

Was der Staat verbot, tippten Menschen privat ab — mit Durchschlagpapier in mehreren Lagen, sodass aus einem harten Anschlag gleich mehrere blasse Kopien entstanden. Jede wurde gelesen, erneut abgetippt und weitergereicht. Es gab keine zentrale Druckerei, die man stürmen konnte — das Netz selbst war der Verlag.

[ 01 ] Was nicht erscheinen durfte

Selbst
herausgegeben.

Im sowjetischen Machtbereich entschied die staatliche Zensur, was gedruckt werden durfte. Szamizdat (russisch самиздат, „Selbstverlag") war die Antwort der Leser: zensierte oder verbotene Texte selbst herstellen und über inoffizielle Kanäle, von Leser zu Leser, weitergeben.

Das Wort setzt sich aus sam („selbst") und izdat — der Kurzform von издательство, „Verlag" — zusammen. Sein Gegenstück hieß Tamizdat (von там, „dort"): verbotene Manuskripte wurden ins Ausland geschmuggelt, dort gedruckt und oft zurückgeschmuggelt. Szamizdat = hier herausgegeben, Tamizdat = dort herausgegeben.

Die Prägung wird dem Moskauer Dichter Nikolai Glaskow zugeschrieben, der eigene getippte Bände scherzhaft mit dem Impressum „Samsebjaisdat" („Verlag Ich-für-mich-selbst") versah — datiert in die 1940er-Jahre. Eine spätere Datierung „1953" kursiert ebenfalls; populär wurde der Begriff erst in den 1960ern. Die genaue Münzung bleibt unsicher.

[ 02 ] Die Kopie der Kopie der Kopie

Material wird
Botschaft.

Scrollen Sie weiter — und sehen Sie zu, wie diese Seite sich selbst weiterkopiert. Mit jeder Sektion wird der Satz eine Generation blasser, leicht versetzt, körniger: Generation 1 frisch getippt, Generation 2 blasser, Generation 3 verschmiert, die Zeilen springen. Genau so reiste ein Szamizdat-Heft durch die Hände.

Die häufigste Methode war die private Schreibmaschine mit Durchschlag- bzw. Kohlepapier: Wer hart genug anschlug, erzeugte bis zu sechs Durchschläge zugleich — die unterste Lage war kaum noch lesbar. Dünnes Durchschlag- und Seidenpapier war billig, leicht zu verstecken und zu schmuggeln. Und jeder Empfänger tippte weitere Kopien ab.

KI-Illustration: ein Stapel blasser, durchgeschlagener, getippter Seiten mit Heftklammern unter einer Schreibtischlampe im Halblicht; jede Lage ist heller als die darüber.
KI-Illustration Durchschlag-Stapel — jede Lage blasser als die darüber. Keine echte historische Aufnahme.

[ 03 ] Wie man im Verborgenen druckt

Kein Druckhaus,
das man stürmt.

Der konzeptionelle Kern war das Kettenbrief-Prinzip: ein dezentrales Netz ohne zentrale Presse, das man nicht durch eine einzige Razzia ausschalten konnte. Wo eine Druckerei ein Ziel ist, sind tausend Schreibmaschinen keines.

Fotokopierer und Vervielfältiger waren staatlich kontrolliert und genehmigungspflichtig. Spätere, „industriellere" Operationen — vor allem in Polen und Ungarn — griffen deshalb zu Matrizen- bzw. Stencilgeräten, Siebdruck (szitanyomás) und Offset.

Der Historiker Sergo Mikojan berichtete, Behörden und Betriebe hätten Schriftproben ihrer Schreibmaschinen bei der lokalen KGB-Stelle hinterlegen müssen, damit sich Texte zur Quelle zurückverfolgen ließen. Die Praxis ist plausibel und vielzitiert, in ihrer Reichweite aber nicht lückenlos dokumentiert — berichtet, kein flächendeckend belegtes Gesetz.

Sechs Durchschläge — ein Anschlag

1Original
2klar
3blasser
4grau
5sehr blass
6kaum lesbar
KI-Illustration: eine alte mechanische Schreibmaschine mit blassem Durchschlagpapier in der Walze, beleuchtet von einer Schreibtischlampe im Halblicht.
KI-Illustration Durchschlagpapier in der Walze. Stimmungsbild, kein authentisches Foto.

[ 04 ] Sowjetunion — die Chronik & die großen Namen

Nüchtern
berichtet.

Die langlebigste Stimme des sowjetischen Samizdat war die „Chronik der laufenden Ereignisse" (Хроника текущих событий) — sachliche Berichte über Verhaftungen, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen.

1968–82Erscheinungszeit der „Chronik"
65Ausgaben insgesamt
≈200 000geschätzte Leserschaft
1968Sacharows Freiheits-Essay

Der Kernphysiker Andrei Sacharow ließ 1968 seinen unzensierten Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit" im Samizdat zirkulieren. Boris Pasternaks „Doktor Schiwago" (1957) galt als einer der ersten vollständigen Samizdat-Romane.

Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" kursierte breit; „Der Archipel GULAG" (geschrieben 1958–1968) wurde 1973 in Paris (YMCA-Press) als Tamizdat gedruckt und danach im Inland weiterverbreitet.

Eine an der Maschinenschrift beteiligte Schreibkraft, Jelisaweta Woronjanskaja, wurde verhört und starb kurz darauf — ein Anlass für Solschenizyn, die Auslandsveröffentlichung freizugeben. Klein an Zahl, groß an Wirkung: Vieles las man nur einmal, weil man es weitergeben musste.

[ 05 ] Zweiter Umlauf — Polen & die Charta 77

Der zweite
Umlauf.

In Polen hieß der Untergrunddruck drugi obieg — „zweiter Umlauf". Ab Mitte der 1970er entwickelte Polen besonders professionelle Druckkapazitäten, die später den ungarischen Aktivisten als Vorbild dienten.

In der Tschechoslowakei wurde Samizdat nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zentral für die Gegenkultur. Die Charta 77 forderte die Einhaltung der eigenen Gesetze und der Menschenrechte. Das Original wurde bei der Übergabe beschlagnahmt — doch Kopien zirkulierten als Samizdat, und einen Tag später druckten westliche Zeitungen (Le Monde, Frankfurter Allgemeine, The Times) den Text.

6. Jan. 1977Veröffentlichung der Charta 77
242erste Unterzeichner
7. Jan.Abdruck im Westen
1 898Unterzeichner bis 1990

Zu den Mitinitiatoren zählten Václav Havel, Jan Patočka, Jiří Hájek, Pavel Kohout, Václav Benda und Ludvík Vaculík. Die Brücke nach Ungarn war kurz: Demszky Gábor reiste schon 1977 nach Polen, um die Vervielfältigungs­technik zu lernen.

[ 06 ] Magyar szamizdat

Beszélő, AB,
der Rajk-butik.

Der ungarische Schwerpunkt fällt in die erste Hälfte der 1980er — den fénykor, den Höhepunkt. Demszky brachte Sieb- und Offsetdruck nach Ungarn und skalierte die Produktion „auf industrielles Niveau".

Beszélő — die wichtigste Stimme

Die zentrale unabhängige Zeitschrift der Kádár-Ära, gegründet im Oktober 1981, erschien illegal durch die 1980er bis zur Wende. János Kis schrieb die meisten politischen Analysen; Ferenc Kőszeg wurde nach 1989 erster legaler Chefredakteur.

Der Titel Beszélő heißt wörtlich „der Sprechende" — ist im Ungarischen aber zugleich der Begriff für den Besuchs- bzw. Sprechraum im Gefängnis, wo Häftling und Besucher reden dürfen. Diese doppelte Lesart ist die populär kolportierte Pointe des Namens (die Idee wird Gábor Iványi zugeschrieben) — als überliefert zu führen.

AB Független Kiadó

Der bedeutendste inländische Samizdat-Verlag, 1981 gegründet von Demszky Gábor mit Nagy Jenő und Rajk László. Er gab Beszélő, Hírmondó und dutzende Bücher heraus — über 1956, Werke von Konrád, Kundera und anderen.

Die Bedeutung des Kürzels „AB" wird in den Quellen nicht eindeutig aufgelöst — hier daher bewusst ohne erfundene Auflösung geführt, schlicht als Verlagsname AB Független Kiadó („AB Unabhängiger Verlag").

Wo gedruckt und verteilt wurde: 1981–1986 in einem Bauernhaus in Dunabogdány (durch Orosz István), mit der Verteilzentrale in der Budapester Wohnung von Miklóssy Endre; ab 1986 unter dem Dach des AB Független Kiadó. Die berühmte Ausgabe „Társadalmi szerződés" („Der Gesellschaftsvertrag", Nr. 20, 1987) startete mit 2 000 Exemplaren und musste nachgedruckt werden.

Das „weichere" Kádár-System („Gulaschkommunismus") verhängte für Szamizdat selten lange Haftstrafen. Die Repression lief eher über Hausdurchsuchung (házkutatás), Schikane, Existenzdruck und Beschlagnahmung — nicht zu verharmlosen, aber auch nicht mit der sowjetischen Härte gleichzusetzen.
KI-Illustration: zwei Hände reichen im dämmrigen Licht heimlich ein dünnes geheftetes Heft weiter; nur die Hände sind zu sehen, keine Gesichter.
KI-Illustration Von Hand zu Hand — das Netz war der Verlag. Inszeniertes Stimmungsbild, keine reale Person.

[ 07 ] Vom Untergrund in die Öffentlichkeit

Was bleibt.

In der Sowjetunion lebte der Samizdat unter Glasnost noch einmal auf — bis die legale Öffentlichkeit ihn überflüssig machte. In Ungarn wurde aus den Samizdat-Kreisen heraus politische Öffentlichkeit: Viele AB- und Beszélő-Köpfe gründeten den SZDSZ mit.

Beszélő erschien ab 1989/90 legal weiter — gedruckt bis Dezember 2012. Demszky Gábor wurde 1990 Oberbürgermeister von Budapest (im Amt bis 2010).

Ein paar abgetippte, durchschlag-blasse Seiten überlebten einen Überwachungsstaat — weil Menschen dafür Hausdurchsuchung, Beruf und Reisefreiheit riskierten.