самиздат selbst herausgegeben
Verbotene Worte, von Hand vervielfältigt.
Ostblock, 1956–1989.
Was der Staat verbot, tippten Menschen privat ab — mit Durchschlagpapier in mehreren Lagen, sodass aus einem harten Anschlag gleich mehrere blasse Kopien entstanden. Jede wurde gelesen, erneut abgetippt und weitergereicht. Es gab keine zentrale Druckerei, die man stürmen konnte — das Netz selbst war der Verlag.
[ 01 ] Was nicht erscheinen durfte
Im sowjetischen Machtbereich entschied die staatliche Zensur, was gedruckt werden durfte. Szamizdat (russisch самиздат, „Selbstverlag") war die Antwort der Leser: zensierte oder verbotene Texte selbst herstellen und über inoffizielle Kanäle, von Leser zu Leser, weitergeben.
Das Wort setzt sich aus sam („selbst") und izdat — der Kurzform von издательство, „Verlag" — zusammen. Sein Gegenstück hieß Tamizdat (von там, „dort"): verbotene Manuskripte wurden ins Ausland geschmuggelt, dort gedruckt und oft zurückgeschmuggelt. Szamizdat = hier herausgegeben, Tamizdat = dort herausgegeben.
[ 02 ] Die Kopie der Kopie der Kopie
Scrollen Sie weiter — und sehen Sie zu, wie diese Seite sich selbst weiterkopiert. Mit jeder Sektion wird der Satz eine Generation blasser, leicht versetzt, körniger: Generation 1 frisch getippt, Generation 2 blasser, Generation 3 verschmiert, die Zeilen springen. Genau so reiste ein Szamizdat-Heft durch die Hände.
Die häufigste Methode war die private Schreibmaschine mit Durchschlag- bzw. Kohlepapier: Wer hart genug anschlug, erzeugte bis zu sechs Durchschläge zugleich — die unterste Lage war kaum noch lesbar. Dünnes Durchschlag- und Seidenpapier war billig, leicht zu verstecken und zu schmuggeln. Und jeder Empfänger tippte weitere Kopien ab.
[ 03 ] Wie man im Verborgenen druckt
Der konzeptionelle Kern war das Kettenbrief-Prinzip: ein dezentrales Netz ohne zentrale Presse, das man nicht durch eine einzige Razzia ausschalten konnte. Wo eine Druckerei ein Ziel ist, sind tausend Schreibmaschinen keines.
Fotokopierer und Vervielfältiger waren staatlich kontrolliert und genehmigungspflichtig. Spätere, „industriellere" Operationen — vor allem in Polen und Ungarn — griffen deshalb zu Matrizen- bzw. Stencilgeräten, Siebdruck (szitanyomás) und Offset.
[ 04 ] Sowjetunion — die Chronik & die großen Namen
Die langlebigste Stimme des sowjetischen Samizdat war die „Chronik der laufenden Ereignisse" (Хроника текущих событий) — sachliche Berichte über Verhaftungen, Verfolgung und Menschenrechtsverletzungen.
Der Kernphysiker Andrei Sacharow ließ 1968 seinen unzensierten Essay „Gedanken über Fortschritt, friedliche Koexistenz und geistige Freiheit" im Samizdat zirkulieren. Boris Pasternaks „Doktor Schiwago" (1957) galt als einer der ersten vollständigen Samizdat-Romane.
Alexander Solschenizyns „Ein Tag im Leben des Iwan Denissowitsch" kursierte breit; „Der Archipel GULAG" (geschrieben 1958–1968) wurde 1973 in Paris (YMCA-Press) als Tamizdat gedruckt und danach im Inland weiterverbreitet.
[ 05 ] Zweiter Umlauf — Polen & die Charta 77
In Polen hieß der Untergrunddruck drugi obieg — „zweiter Umlauf". Ab Mitte der 1970er entwickelte Polen besonders professionelle Druckkapazitäten, die später den ungarischen Aktivisten als Vorbild dienten.
In der Tschechoslowakei wurde Samizdat nach der Niederschlagung des Prager Frühlings zentral für die Gegenkultur. Die Charta 77 forderte die Einhaltung der eigenen Gesetze und der Menschenrechte. Das Original wurde bei der Übergabe beschlagnahmt — doch Kopien zirkulierten als Samizdat, und einen Tag später druckten westliche Zeitungen (Le Monde, Frankfurter Allgemeine, The Times) den Text.
Zu den Mitinitiatoren zählten Václav Havel, Jan Patočka, Jiří Hájek, Pavel Kohout, Václav Benda und Ludvík Vaculík. Die Brücke nach Ungarn war kurz: Demszky Gábor reiste schon 1977 nach Polen, um die Vervielfältigungstechnik zu lernen.
[ 06 ] Magyar szamizdat
Der ungarische Schwerpunkt fällt in die erste Hälfte der 1980er — den fénykor, den Höhepunkt. Demszky brachte Sieb- und Offsetdruck nach Ungarn und skalierte die Produktion „auf industrielles Niveau".
Die zentrale unabhängige Zeitschrift der Kádár-Ära, gegründet im Oktober 1981, erschien illegal durch die 1980er bis zur Wende. János Kis schrieb die meisten politischen Analysen; Ferenc Kőszeg wurde nach 1989 erster legaler Chefredakteur.
Der bedeutendste inländische Samizdat-Verlag, 1981 gegründet von Demszky Gábor mit Nagy Jenő und Rajk László. Er gab Beszélő, Hírmondó und dutzende Bücher heraus — über 1956, Werke von Konrád, Kundera und anderen.
Wo gedruckt und verteilt wurde: 1981–1986 in einem Bauernhaus in Dunabogdány (durch Orosz István), mit der Verteilzentrale in der Budapester Wohnung von Miklóssy Endre; ab 1986 unter dem Dach des AB Független Kiadó. Die berühmte Ausgabe „Társadalmi szerződés" („Der Gesellschaftsvertrag", Nr. 20, 1987) startete mit 2 000 Exemplaren und musste nachgedruckt werden.
[ 07 ] Vom Untergrund in die Öffentlichkeit
In der Sowjetunion lebte der Samizdat unter Glasnost noch einmal auf — bis die legale Öffentlichkeit ihn überflüssig machte. In Ungarn wurde aus den Samizdat-Kreisen heraus politische Öffentlichkeit: Viele AB- und Beszélő-Köpfe gründeten den SZDSZ mit.
Beszélő erschien ab 1989/90 legal weiter — gedruckt bis Dezember 2012. Demszky Gábor wurde 1990 Oberbürgermeister von Budapest (im Amt bis 2010).
Ein paar abgetippte, durchschlag-blasse Seiten überlebten einen Überwachungsstaat — weil Menschen dafür Hausdurchsuchung, Beruf und Reisefreiheit riskierten.