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1066 · Die gestickte Eroberung

BAYEUX

Der Teppich von Bayeux — fast 70 Meter Wolle auf Leinen, mit der Nadel erzählt.

· MMLXVI ·
HIC Eigentlich kein Teppich — eine Stickerei.
Der Teppich rollt ab — Stich für Stich
Szene 1
EADWARDVS REX
König Eduard sendet Harold aus
Position auf dem Band · 0,0 von ~68,38 m

Die Machart

Kein Teppich — eine Stickerei.

Der Name täuscht. Ein Wandteppich entsteht gewebt — Bild und Stoff zugleich am Webstuhl. Hier aber wurde mit Wollgarn auf ein fertig gewebtes Leinen gestickt. Das ist keine Spitzfindigkeit: Es macht das Werk zum Lehrbuch der erzählenden Stickerei.

„Teppich" ist technisch falsch. Korrekt ist Stickerei (frz. broderie). Bild- und Wirkteppiche werden gewoben; der Teppich von Bayeux ist Wolle, die auf bereits fertiges Leinen aufgestickt wurde.

Stielstich

für Konturen, Figurenumrisse — und die Lettern

Eine durchgehende, leicht überlappende Linie — gibt jeder Figur und jedem Buchstaben ihre saubere Kontur.

Bayeux-Stich · Couching

für die Flächen — sparsam mit Garn, schnell, flächig

Lange Wollfäden werden flach aufgelegt und mit kleinen Querstichen niedergehalten — daher der Name Bayeux-Stich.

68,38 m
Länge — das Ende fehlt
~50 cm
Höhe des Bandes
9
zusammengenähte Leinenbahnen
~45 kg
verarbeitete Wolle

Zehn Wollfarben aus drei Pflanzen.

Terrakotta-Rot Tiefrot Ockergold Gelbbeige Olivgrün Hellgrün Blaugrün Graublau Tiefblau Sepia
WAID — Blautöne KRAPP — Rot · Rosa · Orange · Braun WAU / RESEDE — Gelb · Beige · Grün

1064 – 1066

Was geschah — aus normannischer Sicht.

Das Band erzählt keine neutrale Chronik. Es ist die Sieger-Erzählung der Normannen: Harold habe einen Eid gebrochen, Wilhelms Anspruch sei rechtmäßig. Das gehört offen gesagt.

1064

Harolds Reise

König Eduard der Bekenner schickt Harold Godwinson über den Ärmelkanal. Harold gerät in die Hand Herzog Wilhelms der Normandie.

um 1064 · Szene 23

Der Eid

Harold schwört Wilhelm einen Eid — über zwei Reliquienschreinen. Für die Normannen ist es ein Treueschwur auf Wilhelms Thronanspruch.

Januar 1066

Eduards Tod · Harold wird König

Eduard stirbt. Harold wird zum König gekrönt — was die Normannen als Eidbruch deuten.

Frühjahr 1066

Der Stern mit dem Schweif

Ein Komet steht am Himmel — im Bild ein böses Vorzeichen über dem soeben gekrönten Harold.

Sommer 1066

Die Flotte

Wilhelm lässt eine Flotte bauen, verlädt Pferde und Mannen und setzt nach England über — Landung bei Pevensey.

14. Oktober 1066

Schlacht von Hastings

Die Reiter und Bogenschützen Wilhelms gegen Harolds Schildwall. Harold fällt. Das Band endet abrupt — die Schlusspartie ist verloren, vermutlich zeigte sie Wilhelms Krönung.

Szene 32 – 33

Der Stern mit dem Schweif.

Männer zeigen hinauf, die Tituli stickt: ISTI MIRANT STELLA„Diese staunen über den Stern." Es ist die vermutlich älteste erhaltene Darstellung des Halleyschen Kometen, erschienen im Frühjahr 1066, Monate vor der Schlacht. Im Bild steht er als Omen über dem gekrönten Harold.

Dass es Halley war, wissen wir erst rückwirkend — die Bahn wurde später berechnet. Die mittelalterlichen Sticker kannten keinen Namen; sie zeigten „einen Stern mit Schweif" als böses Zeichen.
Faksimile von Szene 32 des Teppichs von Bayeux: Menschen blicken staunend hinauf zum Kometen, darüber die lateinische Tituli ISTI MIRANT STELLA.
PD-ArtSzene 32 — „ISTI MIRANT STELLA". Originalgetreue Fotoreproduktion der gemeinfreien Stickerei (11. Jh.). Quelle: Université de Caen / CNRS / ENSICAEN, Wikimedia Commons.

Die Schlacht · die Tituli

„HIC HAROLD REX INTERFECTVS EST."

Die Begleittexte sind in mittelalterlichem Latein gestickt, fast jede Zeile beginnt mit HIC„hier". Über der Schlacht steht der berühmteste Satz des Bandes.

HIC HAROLD REX INTERFECTVS EST
„Hier wird König Harold getötet."
HIC HAROLD SACRAMENTVM FECIT WILLELMO DVCI
„Hier leistet Harold Herzog Wilhelm den Eid."
UBI UNUS CLERICUS ET ÆLFGYVA
„Wo ein Kleriker und Ælfgyva …" — eine bis heute rätselhafte, unaufgelöste Szene.
Der Pfeil im Auge — populär, aber umstritten. Unter der Tituli hält eine Figur einen Pfeil ins Auge — Ursprung der Erzählung, Harold sei durch einen Augenpfeil gefallen. Doch: Es ist unsicher, welche Figur Harold ist (die getroffene oder die rechts daneben niedergerittene). Frühe Stiche von 1729/1730 zeigen an der Stelle eine Lanze, keinen befiederten Pfeil; Nadellöcher im Leinen legen nahe, dass der Pfeil eine spätere Restaurierungs-Zutat des 18./19. Jahrhunderts ist.

Das Werk schont nicht — doch es zeigt den Tod in der nüchternen Bildsprache des Mittelalters. Die Gefallenen der Schlacht liegen in der unteren Bordüre, die sonst Tiere, Fabelwesen und Äsop-Fabeln trägt.

Faksimile von Szene 23 des Teppichs von Bayeux: Harold leistet Herzog Wilhelm den Eid über zwei Reliquienschreinen.
PD-ArtSzene 23 — Der Eid. Harold schwört über zwei Reliquienschreinen. Fotoreproduktion (Myrabella), Wikimedia Commons.
Faksimile von Szene 57 des Teppichs von Bayeux: der Tod König Harolds bei Hastings unter der lateinischen Tituli HIC HAROLD REX INTERFECTUS EST.
PD-ArtSzene 57 — Harolds Tod. „HIC HAROLD REX INTERFECTVS EST." Fotoreproduktion (Myrabella), Wikimedia Commons.
Faksimile von Szene 38 des Teppichs von Bayeux: Herzog Wilhelms Flotte überquert das Meer und landet bei Pevensey.
PD-ArtSzene 38 — Die Flotte. Wilhelms Männer überqueren das Meer. Fotoreproduktion, Quellverweis Bayeux Museum, Wikimedia Commons.
Die Bevölkerung des Bandes

623 Menschen · 202 Pferde & Maultiere · 55 Hunde · ~505 weitere Tiere · 41 Schiffe · 49 Bäume · 27 Gebäude. Ein ganzer Comicstreifen avant la lettre — aus Wolle.

Der offene Fall

Wer, wo, wann?

Keine zeitgenössische Quelle nennt Auftraggeber, Werkstatt oder Datum. Vieles ist begründete Vermutung — und genau das macht das Band so reizvoll.

Auftraggeber

wahrscheinlich Bischof Odo von Bayeux

Wilhelms Halbbruder ist im Band auffallend präsent, und es tauchte in Bayeux auf. ⚠️ Nicht gesichert — diskutiert werden auch Eustachius II. von Boulogne und Edith von Wessex. Die alte Zuschreibung an Königin Mathilde gilt heute als Legende.

Herstellungsort

wahrscheinlich England · Raum Canterbury

Die englische Stickkunst — opus anglicanum — war berühmt; stilistische und sprachliche Indizien weisen dorthin. ⚠️ Ebenfalls nicht belegt; auch normannische Werkstätten werden diskutiert.

Datierung

2. Hälfte 11. Jh. — „um 1070"

Das oft genannte Jahr 1077 (Weihe der Kathedrale von Bayeux) ist ein plausibler Anlass, kein Beleg. ⚠️ Erste schriftliche Erwähnung erst 1476, im Inventar der Kathedrale.

Das fehlende Ende

Schlusspartie verloren

Das Band bricht nach Hastings ab. Die ursprüngliche Länge lag wohl über 70 m; vermutlich zeigte der verlorene Schluss Wilhelms Krönung.

Bewahrung & Heimkehr

Seit fast tausend Jahren erzählt es noch.

Heute hängt das Band im Musée de la Tapisserie de Bayeux in der Normandie — am selben Ort seit rund 900 Jahren, schriftlich dokumentiert seit 1476. Seit 2007 steht es im UNESCO-Register Memory of the World. Eine fast originalgetreue viktorianische Kopie von 1885/86 liegt im Reading Museum in England.

Stand 2026 · vor Reise gegenprüfen Geplant ist eine historische Leihgabe an das British Museum (September 2026 – Juli 2027) — die erste Rückkehr nach England seit über 900 Jahren. Im Gegenzug reisen britische Schätze (u. a. die Sutton-Hoo-Funde und die Lewis-Schachfiguren) nach Frankreich. Ausstellungspläne können sich ändern.
Stimmungsbild eines gedämpft beleuchteten Museumssaals mit einem langen gestickten Leinenband hinter Glas im sanften Bogen an der Wand — generische mittelalterliche Figuren, keine echten Bayeux-Szenen.
KI-Illustration Atmosphäre im Seiten-Stil — kein echtes Foto des Originals; die Faksimile-Streifen oben tragen die Authentizität.