1066 · Die gestickte Eroberung
Der Teppich von Bayeux — fast 70 Meter Wolle auf Leinen, mit der Nadel erzählt.
· MMLXVI ·Die Machart
Der Name täuscht. Ein Wandteppich entsteht gewebt — Bild und Stoff zugleich am Webstuhl. Hier aber wurde mit Wollgarn auf ein fertig gewebtes Leinen gestickt. Das ist keine Spitzfindigkeit: Es macht das Werk zum Lehrbuch der erzählenden Stickerei.
für Konturen, Figurenumrisse — und die Lettern
Eine durchgehende, leicht überlappende Linie — gibt jeder Figur und jedem Buchstaben ihre saubere Kontur.
für die Flächen — sparsam mit Garn, schnell, flächig
Lange Wollfäden werden flach aufgelegt und mit kleinen Querstichen niedergehalten — daher der Name Bayeux-Stich.
Zehn Wollfarben aus drei Pflanzen.
1064 – 1066
Das Band erzählt keine neutrale Chronik. Es ist die Sieger-Erzählung der Normannen: Harold habe einen Eid gebrochen, Wilhelms Anspruch sei rechtmäßig. Das gehört offen gesagt.
König Eduard der Bekenner schickt Harold Godwinson über den Ärmelkanal. Harold gerät in die Hand Herzog Wilhelms der Normandie.
Harold schwört Wilhelm einen Eid — über zwei Reliquienschreinen. Für die Normannen ist es ein Treueschwur auf Wilhelms Thronanspruch.
Eduard stirbt. Harold wird zum König gekrönt — was die Normannen als Eidbruch deuten.
Ein Komet steht am Himmel — im Bild ein böses Vorzeichen über dem soeben gekrönten Harold.
Wilhelm lässt eine Flotte bauen, verlädt Pferde und Mannen und setzt nach England über — Landung bei Pevensey.
Die Reiter und Bogenschützen Wilhelms gegen Harolds Schildwall. Harold fällt. Das Band endet abrupt — die Schlusspartie ist verloren, vermutlich zeigte sie Wilhelms Krönung.
Szene 32 – 33
Männer zeigen hinauf, die Tituli stickt: ISTI MIRANT STELLA — „Diese staunen über den Stern." Es ist die vermutlich älteste erhaltene Darstellung des Halleyschen Kometen, erschienen im Frühjahr 1066, Monate vor der Schlacht. Im Bild steht er als Omen über dem gekrönten Harold.
Die Schlacht · die Tituli
Die Begleittexte sind in mittelalterlichem Latein gestickt, fast jede Zeile beginnt mit HIC — „hier". Über der Schlacht steht der berühmteste Satz des Bandes.
Das Werk schont nicht — doch es zeigt den Tod in der nüchternen Bildsprache des Mittelalters. Die Gefallenen der Schlacht liegen in der unteren Bordüre, die sonst Tiere, Fabelwesen und Äsop-Fabeln trägt.
623 Menschen · 202 Pferde & Maultiere · 55 Hunde · ~505 weitere Tiere · 41 Schiffe · 49 Bäume · 27 Gebäude. Ein ganzer Comicstreifen avant la lettre — aus Wolle.
Der offene Fall
Keine zeitgenössische Quelle nennt Auftraggeber, Werkstatt oder Datum. Vieles ist begründete Vermutung — und genau das macht das Band so reizvoll.
Wilhelms Halbbruder ist im Band auffallend präsent, und es tauchte in Bayeux auf. ⚠️ Nicht gesichert — diskutiert werden auch Eustachius II. von Boulogne und Edith von Wessex. Die alte Zuschreibung an Königin Mathilde gilt heute als Legende.
Die englische Stickkunst — opus anglicanum — war berühmt; stilistische und sprachliche Indizien weisen dorthin. ⚠️ Ebenfalls nicht belegt; auch normannische Werkstätten werden diskutiert.
Das oft genannte Jahr 1077 (Weihe der Kathedrale von Bayeux) ist ein plausibler Anlass, kein Beleg. ⚠️ Erste schriftliche Erwähnung erst 1476, im Inventar der Kathedrale.
Das Band bricht nach Hastings ab. Die ursprüngliche Länge lag wohl über 70 m; vermutlich zeigte der verlorene Schluss Wilhelms Krönung.
Bewahrung & Heimkehr
Heute hängt das Band im Musée de la Tapisserie de Bayeux in der Normandie — am selben Ort seit rund 900 Jahren, schriftlich dokumentiert seit 1476. Seit 2007 steht es im UNESCO-Register Memory of the World. Eine fast originalgetreue viktorianische Kopie von 1885/86 liegt im Reading Museum in England.