Hoch · Eiskristalle
Cirrus
lat. cirrus — „Haarlocke, Federbüschel"
Hauchdünne, faserige Schleier aus Eiskristallen in großer Höhe — gezogen wie mit einem trockenen Pinsel.
Luke Howard · 1772–1864 · London
Die Sprache des Himmels.
Wie die Wolken ihre Namen bekamen.
Cirrus · Cumulus · Stratus · Nimbus.
Bis 1802 hatten Wolken keine Namen — sie galten als zu flüchtig, um sie zu fassen.
Der Mann mit dem Skizzenbuch
Luke Howard war Quäker, Apotheker und Fabrikchemiker in London — ein Naturwissenschaftler, der sein Geld mit Pharmazie verdiente und seine Leidenschaft dem Himmel widmete. Im Jahr 1802 hielt er vor der Askesian Society, einem Londoner Klub für Naturforschung, einen Vortrag mit dem Titel „On the Modification of Clouds". Ein Jahr später, 1803, erschien daraus ein gedruckter Essay.
Sein Trick war Linné'sch: Howard übertrug das Prinzip der botanischen Taxonomie — Gattung und Art — auf das Flüchtigste, was es gibt. Er gab den Wolken lateinische Namen, und damit eine Sprache, in der man über sie reden, sie vergleichen und ihre Verwandlungen beschreiben konnte.
„Das Unbestimmte" bekam, in Goethes Worten, „feste Form und richtigen Verstand."
Im selben Jahr 1802 schlug der französische Naturforscher Jean-Baptiste Lamarck unabhängig ein eigenes Wolken-Schema vor. Es verschwand. Howards System setzte sich durch, weil es (a) Latein nutzte — international lesbar wie Linnés Pflanzennamen — und (b) Mischformen systematisch zuließ. Howard war also nicht buchstäblich der Erste, der Wolken beschrieb, aber der prägende Namensgeber.
Die Namensgebung
Howard brauchte nur vier lateinische Grundbegriffe — und die Erlaubnis, sie zu kombinieren. Damit ließ sich beschreiben, wie eine Wolke in die nächste übergeht: wie sie sich modifiziert.
Hoch · Eiskristalle
lat. cirrus — „Haarlocke, Federbüschel"
Hauchdünne, faserige Schleier aus Eiskristallen in großer Höhe — gezogen wie mit einem trockenen Pinsel.
Quellend · scharfe Konturen
lat. cumulus — „Haufen, Anhäufung"
Aufgetürmte Haufenwolken mit flacher Basis und blumenkohlartigen Köpfen — die klassische Schönwetterwolke.
Tief · gleichförmig
lat. stratus — „das Ausgebreitete, die Schicht"
Flache, graue Schichtwolken, die den Himmel als gleichmäßige Decke überziehen — nebelnaher Dunst.
Regen · dunkler Bauch
lat. nimbus — „Regenwolke, Regenguss"
Die regenbringende Wolke. Howard ließ sie sich mit den anderen mischen — als Cumulo-cirro-stratus bzw. Nimbus.
⚠️ Zur Genauigkeit: Howards Originaltitel spricht von „Modification" im Sinne von Erscheinungsform, nicht „Klassifikation". Die exakte Schreibung der Mischformen schwankt zwischen den Auflagen (1803 bis 1865) — robust sind die vier Grundbegriffe.
Aufstieg durch die Stockwerke
Drei Stockwerke, von der Tropopause bis zum Boden — jede Gattung an ihrem Platz.
Faserige Eisschleier, mit dem trockenen Pinsel gezogen. Ci · Cc · Cs
Reihen kleiner Ballen, „Schäfchenhimmel". Ac · As
Graue Schichtdecke und die regenbringende Wolke. St · Sc · Ns
Höhenangaben sind Richtwerte für mittlere Breiten; in den Tropen liegen die Stockwerke höher, polar tiefer.
Die Physik, ruhig erzählt
Erwärmter Boden lässt ein Luftpaket aufsteigen.
Mit sinkendem Druck dehnt sich die Luft aus und kühlt — adiabatisch, um ~9,8 °C je 1 000 m (trocken), ~6 °C (gesättigt).
Bei Sättigung kann die Luft den Wasserdampf nicht mehr halten.
An winzigen Schwebeteilchen (Staub, Salz) kondensiert der Dampf zu Tröpfchen von ~0,002 mm Radius. Die Wolke wird sichtbar.
⚠️ Häufiger Irrtum: Eine Wolke ist kein Wasserdampf — Dampf ist unsichtbar. Sichtbar sind erst die Milliarden kondensierter Tröpfchen und Eiskristalle.
Wissenschaft trifft Dichtung
Nachdem Howards Essay 1815 ins Deutsche übersetzt war, war Goethe — selbst Naturforscher — tief bewegt. 1821 fasste er seine Würdigung unter dem Titel „Howards Ehrengedächtnis" zusammen, mit je einer Strophe für Cirrus, Cumulus, Stratus und Nimbus.
„Und wenn auch früh in unbestimmten Lüften
der Nebel sich am Berge will verklären …" — Johann Wolfgang von Goethe, aus „Howards Ehrengedächtnis" (1821). Belegter deutscher Wortlaut; populäre englische Wiedergaben sind Übersetzungen, nicht Goethes Worte.
Der englische Maler fertigte 1821/22 in Hampstead seine „cloud studies" an — datiert, mit Tageszeit und Windrichtung. Ob er Howards Klassen direkt anwandte, ist in der Forschung umstritten; sicher ist der gemeinsame Geist genauer Himmelsbeobachtung.
William Turner war der große Maler des atmosphärischen Lichts; John Ruskin widmete dem Himmel in „Modern Painters" ganze Kapitel. Howards Jahrzehnt lehrte eine neue, ernsthafte Aufmerksamkeit für den Himmel.
Howards eigene Wolkenstudien waren lavierte Skizzen — gemalte Beobachtung. Genau dort fielen, um 1800–1820, Wissenschaft und Malerei zu einer Sache zusammen.
Echte Belege
Die Aquarell-Anmutung dieser Seite hat ein historisches Vorbild: Howards lavierte Tafeln aus „On the Modification of Clouds" (1803) und seine Original-Wolkenstudien. Gemeinfrei — keine KI-Bilder.
Der heutige Standard
Auf Howards vier Grundformen baut der WMO International Cloud Atlas heute zehn Gattungen auf, geordnet nach dem Höhenstockwerk ihrer Basis.
Faserige Eisschleier.
Feine Körnung, „Schäfchen" in der Höhe.
Schleier, der einen Halo um die Sonne legt.
Reihen oder Ballen, Schäfchenhimmel.
Graue Schicht, durch die die Sonne mattscheint.
Gleichförmige graue Decke, nebelnah.
Aufgelockerte Schollen einer tiefen Decke.
Dick, mehrere Stockwerke füllend — Dauerregen/-schnee.
Quellende Haufenwolke mit flacher Basis.
Die Gewitterwolke — vom Tief bis zum eisigen Amboss.
Vom Tafelwerk zum Web-Atlas. Der erste International Cloud Atlas erschien 1896 mit kolorierten Tafeln, dreisprachig. Die jüngste Auflage von 2017 ist erstmals primär ein Web-Portal der WMO. Die zehn Gattungen werden weiter in Arten und Unterarten gegliedert — Howards Linné-Idee, wörtlich fortgeschrieben.
⚠️ Alle Höhenangaben sind Richtwerte für mittlere Breiten — in den Tropen liegen die Stockwerke höher, polar tiefer. Nimbostratus wird je nach Quelle als tief oder mehrstockig geführt.
Eine neue Wolke · 2017
asperitas — lateinisch „Rauheit". Eine wellig-aufgewühlte Wolkenunterseite, wie ein gepeitschtes Meer, von unten gesehen.
Im März 2017 wurde sie als neues „supplementary feature" in den International Cloud Atlas aufgenommen — die erste Neuaufnahme seit 1951. Der Anstoß kam aus der Öffentlichkeit: ein Foto von Jane Wiggins aus Cedar Rapids, Iowa (2006) und unzählige Einsendungen an die Cloud Appreciation Society. Ihr Gründer Gavin Pretor-Pinney arbeitete ab 2009 mit der Royal Meteorological Society auf die Anerkennung hin.
⚠️ Asperitas ist eine Sonderform, keine eigene Gattung. Ursprünglich als „undulatus asperatus" vorgeschlagen, wählte die WMO die korrekte lateinische Substantivform „asperitas".
Der Himmel ist nie fertig benannt.
216 Jahre nach Howards Vortrag bekam eine neu erkannte Wolke wieder einen lateinischen Namen — diesmal getragen von einer weltweiten Beobachter-Crowd. Vom einsamen Quäker mit dem Skizzenbuch zur Bürgerwissenschaft.