Zwei Geburten
Die Antike erzählte Aphrodites Herkunft nicht in einer, sondern in zwei Fassungen — und ließ sie unaufgelöst nebeneinander stehen. Welche „stimmt“, war nie die Frage. Die Dichtung kennt keine Wahrheit, nur Bilder.
Aus dem Schaum
Kronos entmannt seinen Vater Uranos und wirft die Glieder ins Meer. Um sie bildet sich weißer Schaum (aphrós), in dem ein Mädchen heranwächst. Es nähert sich zuerst dem heiligen Kythera, dann dem „meerumgürteten Zypern“ und tritt dort als Göttin ans Land — „und Gras wuchs um sie unter ihren Füßen“.
Tochter des Zeus
Homer kennt die Schaumgeburt nicht. Bei ihm ist Aphrodite Tochter des Zeus und der Titanin Dione — im fünften Gesang flüchtet sie verwundet zu ihrer Mutter. Hesiods bildmächtigere Version setzte sich später in der Kunst durch; in der Doppelung klingt die spätere Unterscheidung von Urania und Pandemos nach.
Die Namen der Göttin
Eine Göttin trägt viele Namen — jeder bindet sie an einen Ort, eine Geste, eine Idee. Ein kleines Lexikon ihrer Beinamen, vom Inselnamen bis zur philosophischen Zweiteilung der Liebe.
„Die in Zypern Geborene“ — auch Kyprogéneia. Die Insel ist ihr so eigen, dass ihr Name zum Namen der Göttin wird.
Nach ihrem Hauptheiligtum in Palaipaphos — dem überregionalen Pilgerort an der Südwestküste Zyperns.
Nach der Insel, die sie laut Hesiod zuerst berührte, bevor sie nach Zypern weiterzog.
„Die aus dem Meer Auftauchende“ — die Pose, in der sie das Wasser aus ihrem Haar wringt. Der Schlüssel zur ganzen Kunstgeschichte.
„Nach Uranos“ — bei Platon die geistige Liebe, gegen die irdische gestellt.
„Die allen gemeine“ — bei Platon die sinnliche Liebe. Im realen Kult hatte der Name aber auch eine gemeinschaftsstiftende Bedeutung.
Der Felsen · Petra tou Romiou
An der Südwestküste, im Bezirk Paphos, ragen markante Kalksteinfelsen aus dem türkisen Meer — ein Naturphänomen, kein Bauwerk. Sie gelten als der legendäre Ort, an dem Aphrodite ans Land trat.
„Petra tou Romiou“ — „Felsen des Griechen“ — geht auf eine jüngere Sage zurück: Der byzantinische Held Digenis Akritas soll die Felsen gegen sarazenische Angreifer (7.–10. Jh.) geschleudert haben. Mythische Geburt und mittelalterliche Heldensage überlagern denselben Ort.
Der Volksglaube, wer dreimal um den Felsen schwimmt, erlange ewige Jugend, ist eine Sage — keine Einladung. Wegen starker Strömung und rauer See wird das Umschwimmen offiziell nicht empfohlen; der Ort ist Aussichts- und Fotopunkt, keine Badestelle.
Stein statt Statue
In Palaipaphos verehrte man Aphrodite nicht als menschengestaltige Statue, sondern als konischen dunklen Stein — einen Baetyl. In der griechischen Religion ist das ungewöhnlich; im Vorderen Orient war es verbreitet.
Tacitus beschrieb ihn als „runde, unten breitere Masse, die wie ein Wendepfeiler nach oben zu geringem Umfang ansteigt“. Der Stein steht heute im Lokalmuseum von Kouklia.
- ~12. Jh. v. Chr.Die spätbronzezeitlichen Bauten; der heilige Bezirk war schon vorher etabliert. Schon Homers Odyssee nennt „Hain und Altar der Aphrodite zu Paphos“.
- KinyradenEine erbliche Priesterschaft mit Orakel. Nach Pausanias kam der Kult ursprünglich aus Syrien — Hinweis auf die vorderorientalische Wurzel zu Astarte / Ischtar (plausible, in Details diskutierte Deutung).
- AphrodisiaDas jährliche Fest. Strabon berichtet von einer Prozession von Nea Paphos nach Palaipaphos.
- 391 n. Chr.Die Edikte Theodosius’ I. verbieten die heidnischen Kulte und beenden den Aphrodite-Kult.
- VenusDie römische Gleichsetzung: über Aeneas wird Venus zur mythischen Stammmutter Roms.
- 1980Paphos wird UNESCO-Welterbe; das Heiligtum von Palaipaphos gehört zur Stätte.
Von Apelles zu Botticelli
Die „aus dem Meer Auftauchende“ wurde zum Bildtypus schlechthin. Das berühmteste antike Beispiel — das Tafelbild des Apelles (4. Jh. v. Chr.) — ist verloren; Plinius pries es, Augustus ließ es nach Rom bringen.
Sandro Botticelli setzte um 1484/85 die Venus auf einer großen Muschel an die Küste — eine Renaissance-Wetteifer (aemulatio) mit dem verlorenen Apelles. Streng genommen zeigt er die Ankunft, nicht die Geburt. Schon Praxiteles hatte um 360–330 v. Chr. mit der Aphrodite von Knidos einen der ersten lebensgroßen weiblichen Akte der griechischen Kunst geschaffen — überliefert in römischen Kopien.