Übersicht

Millennium · MDCCCXCVI · 1896

FÖLDALATTI

Europas erste elektrische Untergrundbahn. Unter der Andrássy-Allee gleitet seit dem 2. Mai 1896 die kleine gelbe Linie — von der Stadtmitte bis hinaus zum Stadtwäldchen.

Einstieg · Vörösmarty tér

Scrollen heißt einsteigen

Der Anlass

Tausend Jahre,
festlich gefeiert

1896 beging Ungarn sein Millennium — tausend Jahre seit der Landnahme um 895/896, als die ungarischen Stämme das Karpatenbecken besiedelten. Das Land, seit dem Ausgleich von 1867 zweiter Pol der Österreichisch-Ungarischen Monarchie, befand sich im wirtschaftlichen Aufschwung — und Budapest wollte sich der Welt zeigen.

Herzstück der Feiern war die Millenniums-Landesausstellung im Stadtwäldchen (Városliget), ein halbes Jahr lang geöffnet — eine Leistungsschau aus historischem und industriellem Teil. Für die Feiern entstanden bleibende Wahrzeichen, allen voran ein technisches Wunder unter dem Straßenpflaster.

Historische Schwarzweiß-Aufnahme von 1896: die offene Baugrube der Millenniumi Földalatti unter der Andrássy-Allee in Budapest.
Bau der Földalatti unter der Andrássy út, 1896 — die offene Baugrube der „cut-and-cover"-Unterpflasterbahn.

Die Fahrt beginnt

Folgen Sie der gelben Linie

Von hier an fahren wir. Der kleine gelbe Wagen zieht entlang der Linie unter der Andrássy-Allee nach Nordosten — und hält an jeder Station für einen Wissens-Halt aus dem Jahr 1896. Oben tobt das Fest, unten gleitet still die Bahn.

Halt · Premiere

Die Erste des Kontinents

Eröffnet am 2. Mai 1896, war die Földalatti die erste elektrische Untergrundbahn auf dem europäischen Festland — und nach der Londoner Underground die zweitälteste elektrifizierte U-Bahn der Welt. Von Beginn an war sie für elektrischen Betrieb geplant, nie auf Dampf gebaut: 550 Volt Gleichstrom, Strom aus der Oberleitung.

  • 1896~ 3,7 km Strecke · 11 Stationen (9 unter, 2 über der Erde)
  • heuteLinie M1 · ~ 4,4 km, später verlängert
  • Tunnelca. 6 m breit, dicht unter dem Straßenpflaster
Halt · Der Kaiser

Franz Josephs Bahn

Wenige Tage nach der Eröffnung, am 8. Mai 1896, fuhr Kaiser Franz Joseph selbst mit — im eigens gebauten Prunkwagen Nr. 20 hinaus zum Stadtwäldchen — und war so angetan, dass die Bahn fortan seinen Namen tragen durfte: Ferenc József Földalatti Villamos Vasút, die Franz-Joseph-Untergrund-Elektrische-Bahn. Diesen Namen trug sie bis 1949.

Wagen Nr. 20 war der eigens ausgestattete Kaiserwagen — einer von 20 elektrischen Wagen des Jahres 1896.

Halt · Der Bau

Gebaut in zwei Jahren

Zwischen 1894 und 1896 — in knapp zwei Jahren — entstand die ganze Strecke. Verantwortlich war das ungarische Tochterunternehmen von Siemens & Halske; rund 2.000 Arbeiter hoben die Trasse aus.

Die Bauweise war die Unterpflasterbahn — „cut and cover": eine offene Grube wurde unter dem Straßenpflaster der Andrássy út ausgehoben, der Tunnel eingesetzt und das Pflaster wieder geschlossen. Schnell, vergleichsweise günstig und dicht unter der prächtigen Allee.

Internationale Fachleute reisten an, um das Budapester System zu studieren — bis hin zum Bürgermeister von Berlin.

Halt · Ornament

Zsolnay & Messing

Die Stationen waren keine nüchternen Schächte, sondern Belle-Époque-Räume: Wände aus glasierten Zsolnay-Keramikkacheln in Weiß und Braun, verzierte Säulenkapitelle, dazu oberirdisch elegante Eingangspavillons im Jugendstil. Messing glänzte im warmen Licht — die Eleganz der Jahrhundertwende, unter die Erde getragen.

Zsolnay-Keramik Jugendstil-Pavillons Gusseiserne Pfeiler
Halt · Die Wagen

Die gelben Wagen

Gelb ist heute das Markenzeichen der Linie — die M1 ist „die gelbe Linie", ihre gusseisernen Tunnelpfeiler tragen Millenniums-Gelb. Doch Vorsicht mit der Geschichte: Die berühmten gelben Triebwagen, die „gelben Raupen", kamen erst von Ganz — im Zuge des großen Umbaus 1970–1973, neue Wagen ab 1971.

Die Original-Wagen von 1896 waren 20 elektrische Stück: Nr. 1–10 blechverkleidet, Nr. 11–19 holzverkleidet, dazu der prachtvolle Kaiserwagen Nr. 20. Restaurierte Originale (u. a. Nr. 19 und Nr. 1) stehen heute im Földalatti-Museum am Deák Ferenc tér, eröffnet 1975 in einem stillgelegten Tunnelabschnitt.

Ein gelber Triebwagen der Linie M1 (Földalatti) am Bahnsteig der Station Vörösmarty utca, mit den charakteristischen grünen Gusssäulen.
Ein gelber M1-Wagen am Bahnsteig — Vörösmarty utca, mit den grünen Gusssäulen. (Heutiges Erscheinungsbild.)

Nuance: Gelb ist der Linien- und Signatur-Code dieser Seite und der Wagen ab 1973 — die 20 Original-Wagen von 1896 waren nicht durchgängig gelb.

Ausstieg · Hősök tere — Stadtwäldchen

Oben wartet das Fest

Am Ende der Linie steigt man aus dem warmen Halbdunkel ins festliche Tageslicht: das Stadtwäldchen, Schauplatz der Millenniumsfeiern. Hier präsentierte sich Ungarn der Welt.

1896 · ein halbes Jahr

Die Landesausstellung

Im Stadtwäldchen zeigte die Millenniums-Landesausstellung den Aufstieg des Landes — ein historischer und ein industrieller Teil, ein halbes Jahr lang geöffnet.

1896–1906

Heldenplatz & Denkmal

Das Millenniums-Denkmal mit Gabriel-Säule und den Reiterstandbildern der Stammesführer wurde zwischen 1896 und 1906 errichtet — 1900 erhielt der Entwurf den ersten Preis der Pariser Weltausstellung.

Holz → Stein

Vajdahunyad-Burg

Zunächst in Holz für die Ausstellung errichtet, wegen des Erfolgs in Stein neu gebaut — ein Stilmix aus Romanik, Gotik, Renaissance und Barock als Abbild historischer Bauten.

Wirkung & Vorbild

Ein Modell für Europa

Experten aus Frankreich und Deutschland studierten das Budapester System. Was hier unter der Andrássy-Allee gelang, wurde zur Schule für die Metropolen, die folgten.

1896

Budapest

Die Földalatti eröffnet — Europas erste elektrische Untergrundbahn auf dem Kontinent.

1900

Paris

Die Pariser Métro nimmt den Betrieb auf — beeinflusst vom Budapester Vorbild.

1902

Berlin

Die Berliner U-Bahn folgt; der Berliner Bürgermeister war zuvor selbst zu Besuch gewesen.

UNESCO-Welterbe seit 2002

Bewahrt unter der Allee

Seit 2002 ist die Földalatti als Teil des Welterbes „Budapest, mit den Donau-Ufern, dem Burgviertel und der Andrássy-Allee" ausdrücklich in die geschützte Achse einbezogen. Ein Land hat sein technisches Wahrzeichen bewahrt — man spürt es bis heute, wenn man durch die alten Kacheln fährt.

2026 · 130 Jahre Földalatti