Klaviersonate h-Moll
Das Hauptwerk. Ein einziger Satz von gut einer halben Stunde — das Modell der thematischen Transformation.
Liszt Ferenc · 1811–1886 · Virtuose · Komponist · Abbé
Er spielte, wie noch nie ein Mensch gespielt hatte — und die Welt verlor den Verstand. Eine Seite, die klingt wie seine Hände über den Tasten.
Wer war er
Geboren am 22. Oktober 1811 in Doborján (heute Raiding, Burgenland) — damals im Königreich Ungarn. Sein Vater Adam, Verwalter im Dienst der Fürsten Esterházy, erkannte das Talent früh. In Wien lernte der Junge bei Carl Czerny, Komposition bei Antonio Salieri; ungarische Adlige finanzierten per Stipendium den Weg nach Paris.
In Paris wurde aus dem Wunderkind eine Erscheinung der französischen Romantik — Freund von Chopin, Berlioz, Victor Hugo und George Sand. Später Komponist, Lehrer und Geistlicher. Aber zuerst: der Virtuose, den niemand vergaß.
Lisztomania · 1844
Eine wahre Raserei, beispiellos in den Annalen der Begeisterung — die „Lisztomanie". Heinrich Heine, Feuilleton, 25. April 1844 (sinngemäß)
Den Begriff prägte Heinrich Heine in der Pariser Saison 1844. Bei seinen Konzertreisen stürmten Verehrerinnen die Bühne; manche fielen in Ohnmacht. „Mania" war damals ein klinischer Ausdruck — einige hielten die Begeisterung tatsächlich für eine ansteckende Krankheit. Es war ein Jahrhundert vor der Beatlemania.
Abgeschnittene Locken wurden als Reliquien gesammelt — überliefert, teils anekdotisch.
Zersprungene Klaviersaiten verarbeitete man zu Armbändern. Die Hingabe nahm Form an.
Verlorene Handschuhe, sogar Zigarrenstummel, fanden ihren Weg in Schmuckmedaillons.
Der Virtuose · 1839–1847
Um 1839/40 bestritt erstmals ein einzelner Pianist einen ganzen Abend allein — gängig wird ihm auch der Begriff „recital" zugeschrieben. Es folgten die Glanzjahre der „transzendentalen Ausführung": die Grenzen von Instrument und Spieler ausgereizt, am deutlichsten in den Transzendentalen Etüden (Endfassung 1852).
Die Erfindung
Liszt schuf eine ganz neue Gattung: das einsätzige Orchesterwerk, das einer außermusikalischen Idee folgt. „Les Préludes" (1854) ist das erste so betitelte Werk. In Weimar entstanden zwölf sinfonische Dichtungen (1848–1858), ein dreizehntes folgte 1882 — zusammen also dreizehn.
Thematische Transformation
Liszts kompositorische Signatur: ein einziges Grundmotiv wird über das ganze Stück verwandelt — umgefärbt, verlangsamt, getrieben — ohne seinen Zusammenhalt zu verlieren. Meisterhaft in der Faust- und Dante-Symphonie und in der Klaviersonate h-Moll.
Ungarische Wurzeln
Die Rhapsodien gossen die Improvisationskultur, die Liszt für „ungarisch-zigeunerisch" hielt, in pianistische Form — Lassú und Friss, langsame Schwermut und entfesselter Tanz. Eine Klangsprache, die Europa für die ungarische Musik einnahm — lange vor Bartóks und Kodálys ethnografischer Strenge.
Weimar · ab 1848
1848 ließ sich Liszt in Weimar nieder und leitete die Hofkonzerte bis 1859. Hier entstanden die sinfonischen Dichtungen und die Sonate h-Moll; hier war Fürstin Carolyne zu Sayn-Wittgenstein seine intellektuelle wie künstlerische Partnerin.
Abbé Liszt · ab 1865
Am 31. Juli 1865 nahm Liszt in Rom die niederen Weihen — fortan „Abbé Liszt". Sein Spätwerk wandte sich verstärkt dem Geistlichen zu; die Tonsprache wurde karger, vorausschauender, fast modern. 1879 wurde er ehrenhalber Domherr.
Es begann seine „dreigeteilte Existenz": Er pendelte zwischen Rom, Weimar und Budapest — Kirche, Komposition und Lehre.
Budapest · 1875
1875 wurde Liszt Mitgründer und erster Präsident der Königlich Ungarischen Musikakademie in Budapest — heute die Liszt-Ferenc-Musikakademie. Sein Werk als Lehrer prägte Generationen; er nahm keine Honorare und verschenkte sein Wissen.
31. Juli 1886: Liszt starb in Bayreuth während der Festspiele, im Umfeld seiner Tochter Cosima — die mit Richard Wagner verheiratet war. Offizielle Todesursache: Lungenentzündung. Der Mann, der den Konzertsaal in Ekstase versetzt hatte, ging still.
Hörstationen
Das Hauptwerk. Ein einziger Satz von gut einer halben Stunde — das Modell der thematischen Transformation.
Die ikonischste der 19 Rhapsodien — von der Schwermut des Lassú bis zum rasenden Friss.
Das Notturno, das die ganze Welt kennt — die lyrische, romantische Seite des Virtuosen.
Die erste so betitelte sinfonische Dichtung — die Gattung, die er erfand.
Drei Charakterbilder — Faust, Gretchen, Mephisto — die thematische Transformation im großen Format.