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Champollion · Der Stein von Rosetta · Die Entzifferung 1822

HIEROGLYPHEN

Eine Schrift, fast vierzehnhundert Jahre verstummt. Drei Schriften, ein Erlass, ein Stein — und ein Gelehrter, der erkennt, dass diese Bilder zugleich Laut sind. So wird eine ganze Hochkultur wieder lesbar.

Eine verstummte Schrift

Tausend Jahre lang nur noch schöne Rätsel.

Mit dem Ende der altägyptischen Tempelkultur — die letzte datierte Hieroglyphen-Inschrift stammt aus dem Jahr 394 n. Chr. — verlor die Welt die Fähigkeit, sie zu lesen. Über 1400 Jahre blieben die Zeichen stumm. Wer sie betrachtete, sah nur Bilder: Eulen, Schlangen, Schilfblätter, Sonnen.

Gelehrte von der Antike bis in die Aufklärung waren überzeugt, jedes Zeichen verberge ein ganzes Konzept, eine geheime Weisheit — eine reine Symbolschrift. Man deutete und fabulierte, doch niemand kam zu einem Klang, zu einer Sprache. Genau dieses Missverständnis war die Mauer.

Was fehlte, war ein Schlüssel: ein Text, von dem man wusste, was er sagte — derselbe Text, zugleich in einer Schrift, die man bereits las.

Schritt 01 — drei versetzte Ebenen

Der Signatur-Stein

Drei Schriften, eine Botschaft.

Derselbe Erlass von Memphis steht dreimal übereinander: hieroglyphisch oben, demotisch in der Mitte, altgriechisch unten. Scrolle — und sieh, wie sich die zerbrochenen Zeilen Schicht für Schicht ausrichten.

ΒΑΣΙΛΕΥΟΝΤΟΣ ΤΟΥ ΝΕΟΥ ΠΤΟΛΕΜΑΙΟΥ ΘΕΟΥ ΕΠΙ- ΦΑΝΟΥΣ ΕΥΧΑΡΙΣΤΟΥ ΚΑΙ ΠΑΡΑΛΑΒΟΝΤΟΣ ΤΗΝ ΒΑΣΙ-

Schrift-Ebenen prozedural gezeichnet — schematisch, nicht der Original-Wortlaut.

Der Stein von Rosetta

Ein Bruchstück Granodiorit — und der Schlüssel zu einer Hochkultur.

Im Juli 1799 stießen französische Soldaten der ägyptischen Expedition Napoleons bei Befestigungsarbeiten am Fort Julien nahe der Hafenstadt Rosetta (arabisch Rashid) auf eine beschriftete Steinplatte. Überliefert ist der Name des Offiziers Pierre-François Bouchard, der den Fund meldete.

Der Stein trägt — dreifach — den Erlass von Memphis vom 27. März 196 v. Chr., einen priesterlichen Ehrenbeschluss für den jungen König Ptolemaios V. Epiphanes. Es ist nur ein Fragment einer einst größeren Stele: oben fehlen Zeilen, die Ränder sind weggebrochen.

Nach der Kapitulation Alexandrias 1801 ging der Stein an die Briten; seit Juni 1802 steht er im British Museum in London — bis heute eines seiner meistbesuchten Objekte.

  • MaterialGranodiorit (umgangssprachlich „Granit")
  • Maße≈ 112,3 × 75,7 × 28,4 cm
  • Gewichtrund 760 kg
  • SchriftenHieroglyphisch · Demotisch · Altgriechisch
  • ErlassMemphis, 196 v. Chr. · Ptolemaios V.
Der Stein von Rosetta, British Museum
Der Stein von Rosetta, British Museum, London. — Foto: Hans Hillewaert, Wikimedia Commons, CC BY-SA 4.0 (creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/).
Eine Botschaft, dreimal geschrieben

Warum gerade dieser Stein die Mauer einreißen konnte.

Der Trick liegt in der Zweisprachigkeit: Wer den Inhalt schon kennt — weil unten dasselbe in lesbarem Griechisch steht — kann die unbekannten Schriften daran ausrichten. Das Griechische verriet, was da steht; das Demotische bildete die kursive Brücke; die Hieroglyphen waren das eigentliche Ziel.

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Hieroglyphisch

Die „heilige Gravur" der Tempel und Priester. Auf dem Stein nur noch 14 Zeilen, oben weggebrochen — das schwierigste, das wertvollste Stück.

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Demotisch

Die schnelle Alltagsschrift, „Sprache des Volkes". Mit 32 Zeilen am besten erhalten — die kursive Brücke zwischen Bild und Klang.

ΑΒΓ · ΠΤΟΛ

Altgriechisch

Sprache der makedonischen Ptolemäer. 54 Zeilen, die ersten 27 vollständig — und vor allem: bereits lesbar. Der Schlüssel zum Inhalt.

Die Kartuschen

Der ovale Rahmen, der einen Namen einsperrt.

Auf den Monumenten umschließt ein ovaler Rahmen mit waagrechtem Querstrich — die Kartusche — königliche Namen. In der lesbaren griechischen Passage standen die Könige beim Namen; also mussten dieselben Namen in den Kartuschen der Hieroglyphen stecken.

Königsnamen sind Eigennamen und deshalb zwingend lautlich geschrieben — der ideale Einstieg, denn ihren Klang kannte man aus dem Griechischen längst. Aus PTOLEMAIOS und KLEOPATRA ließen sich gemeinsame Zeichen — P, T, O, L … — gegeneinander prüfen und ein phonetisches Alphabet ableiten.

Ptolemaios
p · t · o · l · m · y · s
Kleopatra
k · l · e · o · p · a · t · r · a

Champollion erweiterte das Prinzip auf rein ägyptische Namen wie Ramses und Thutmosis — und bewies damit, dass die Lautschrift kein Sonderfall für Griechen-Namen, sondern der Kern des Systems war.

Champollions Erkenntnis

Bild und Laut zugleich.

Jean-François Champollion (1790–1832) war ein Sprachgenie. Entscheidend wurde, dass er Koptisch beherrschte — die spät bezeugte, in griechischen Buchstaben geschriebene Form des Ägyptischen. Das Koptische lieferte ihm den Lautwert hinter den Zeichen.

Seine Schlüssel-Erkenntnis brach das jahrhundertealte Missverständnis: Hieroglyphen sind kein reines Bildrätsel, sondern ein gemischtes System — teils phonetisch (lautlich), teils ideografisch (für Begriffe). Manche Zeichen stehen für Klänge, andere für ganze Wörter, manche bestimmen nur die Bedeutung.

Der Durchbruch kam am 14. September 1822, beim Vergleich von Königsnamen. Überliefert ist sein Ausruf „Je tiens mon affaire!" („Ich hab's!") — woraufhin er, so die Anekdote, vor Erschöpfung zusammenbrach. Wenige Tage später, am 27. September 1822, trug er die „Lettre à M. Dacier" vor der Académie des Inscriptions et Belles-Lettres vor: die Geburtsstunde der Ägyptologie.

Es ist ein gemischtes System — figurativ, symbolisch und lautlich, in ein und demselben Text, ein und demselben Satz." — sinngemäß nach J.-F. Champollion, Lettre à M. Dacier, 1822
Atmosphärische Illustration einer Tempelwand mit Hieroglyphen-Relief im warmen Streiflicht
KI-Illustration

Wo Generationen nur schöne Bilder sahen, lasen plötzlich Menschen wieder eine Sprache.

Schreib deinen Namen

Setz dich selbst in eine Kartusche.

Gib einen Namen ein — er erscheint als Folge phonetischer Hieroglyphen, eingefasst in den königlichen Rahmen, mit der Lautschrift darunter. So spürst du, was Champollion gelang: Bild und Klang fallen zusammen.

Didaktische Annäherung — kein korrektes Altägyptisch. Wir bilden lateinische Buchstaben auf je ein Einkonsonanten-Zeichen ab (Gardiner-nah). Echte Schreibungen nutzen zusätzlich Mehrkonsonanten- und Deutzeichen (Determinative) und ließen Vokale meist ungeschrieben. Hier geht es um das Aha, nicht um Orthografie.

Vorarbeit & Durchbruch

Young legte Steine — Champollion baute den Bogen.

Die Entzifferung war kein Alleingang. Die jeweiligen Verdienste wurden schon zu Lebzeiten — und national gefärbt — kontrovers diskutiert. Fair betrachtet:

Thomas Young
1773 – 1829 · England
  • Erkennt, dass der demotische Text teils phonetisch ist.
  • Ordnet demotische und hieroglyphische Zeichen einander zu.
  • Liest in der Kartusche die Lautwerte für Ptolemaios.
  • Bleibt bei der Annahme: Lautschrift sei vor allem für Fremdnamen reserviert.
J.-F. Champollion
1790 – 1832 · Frankreich
  • Macht die Lautschrift zum allgemeinen Prinzip — auch für ägyptische Namen und Wörter.
  • Stellt über das Koptische die Brücke zur lebendigen Sprache her.
  • Erkennt das System als phonetisch und ideografisch zugleich.
  • Begründet damit die Ägyptologie als Wissenschaft.
Das Vermächtnis

Eine ganze Hochkultur wird wieder lesbar.

Was 1822 als Lesung von Königsnamen begann, wuchs in wenigen Jahren zu einer Wissenschaft. Champollion verifizierte seine Lesungen schließlich vor Ort, an den Monumenten selbst.

  • 14. Sept. 1822Der Durchbruch — die phonetische Lesung als System.
  • 27. Sept. 1822„Lettre à M. Dacier" — Gründungstext der Entzifferung.
  • 1824Précis du système hiéroglyphique — die systematische Darstellung (über 450 Zeichengruppen).
  • 15. Mai 1826Kurator der ägyptischen Sammlung im Louvre.
  • 1828 – 1829Leitet die französisch-toskanische Ägypten-Expedition bis Abu Simbel.
  • 1831Erster Lehrstuhl für Ägyptologie am Collège de France.
  • 4. März 1832Champollion stirbt mit nur 41 Jahren in Paris.
  • posthumDie Grammaire égyptienne erscheint, betreut von seinem Bruder Jacques-Joseph.