Die Kettenbrücke · Buda & Pest, vereint 1849 · István Széchenyi
Die Ausgangslage
Buda und Pest lagen sich gegenüber wie zwei fremde Städte. Zwischen ihnen die Donau — Lebensader und Trennung zugleich.
Wer im 19. Jahrhundert von einem Ufer zum anderen wollte, war auf eine Schiffsbrücke aus aneinandergeketteten Pontons oder auf Fähren angewiesen. Bei Hochwasser, bei Sturm und vor allem im Winter, wenn der Eisgang die Donau in eine treibende Schollenlandschaft verwandelte, ruhte der Verkehr oft tagelang. Eine dauerhafte Brücke gab es nicht — sie galt als technisch zu kühn und politisch zu teuer.
Genau hier setzt die Geschichte der Kettenbrücke an: nicht als Bauwerk, sondern als Idee, die zwei getrennte Ufer zu einer einzigen Stadt zusammendenken wollte.
Eine populäre Anekdote erzählt, der junge Graf István Széchenyi habe im Dezember 1820 nach dem Tod seines Vaters tagelang in Pest festgesessen, weil Eisgang die Überquerung der Donau unmöglich machte — daraus sei die Vision einer festen Brücke gereift. Die Geschichte ist verbreitet, aber nicht in allen wissenschaftlichen Quellen belegt und sollte als Überlieferung gelesen werden, nicht als gesicherte Tatsache.
Der Mann · 1791–1860
István Széchenyi war Aristokrat, Reformer und Visionär — die treibende Kraft hinter der Brücke und hinter dem Aufbruch eines ganzen Landes.
Széchenyi gehörte zur Generation, die Ungarn aus der Feudalordnung in eine bürgerliche Moderne führen wollte. Er förderte die Dampfschifffahrt auf Donau, Theiß und Balaton, gründete 1835 die Óbuda-Werft, trieb die Regulierung der Donau voran und war Wegbereiter des ungarischen Eisenbahnbaus.
1825 stiftete er das gesamte Jahreseinkommen seiner Güter — 60 000 Forint — zur Gründung der Ungarischen Akademie der Wissenschaften; drei weitere Adlige folgten mit zusammen 58 000 Forint. In seinen Schriften Hitel (Kredit, 1830), Világ (Licht, 1831) und Stádium (1833) entwarf er das Programm einer modernen Wirtschaft.
Sein politischer Rivale Lajos Kossuth nannte ihn nach seinem Tod „den größten der Magyaren“ — daraus wurde das geflügelte Wort, mit dem Ungarn ihn bis heute ehrt: a legnagyobb magyar, der größte Ungar.
Der Bau · 1839–1849
Den Entwurf lieferte England, die Bauleitung Schottland — und finanziert hat das Wagnis ein Bankier aus dem Donauhandel.
Der englische Ingenieur William Tierney Clark entwarf die Brücke 1839; er hatte zuvor zwei Hängebrücken über die Themse gebaut, die Hammersmith Bridge und die Marlow Bridge. Die Bauleitung vor Ort übernahm ab 1840 der schottische Ingenieur Adam Clark — mit William Clark nicht verwandt, nur Namensvetter. Die Grundsteinlegung erfolgte 1842, die feierliche Eröffnung am 20. November 1849.
Wesentlich finanziert wurde der Bau vom griechisch-österreichischen Bankier und Kaufmann Georgios Sina (György Sina); sein Name ist in den Sockel des südwestlichen Brückenpfeilers eingraviert. Bei ihrer Fertigstellung zählte die Kettenbrücke aus Schmiedeeisen und Stein zu den größten Hängebrücken der Welt.
Zwei massive Eisenkettenpaare hängen zwischen den Pylonen in einer durchhängenden Kurve — der Kettenlinie. Sie trägt die ganze Last und gibt der Brücke ihren Namen: Lánchíd, Kettenbrücke.
Zwei steinerne Tortürme im Stil römischer Triumphbögen ragen über dem Wasser auf und führen die Ketten über ihre Sättel.
Senkrechte Hängestäbe verbinden die Kettenlinie mit der Fahrbahn und verteilen das Gewicht des Verkehrs gleichmäßig auf die Ketten.
Die Wächter · 1852
An beiden Brückenköpfen wachen seit 1852 vier steinerne Löwen, geschaffen vom Bildhauer János Marschalkó.
Eine zählebige Legende behauptet, die Löwen hätten keine Zungen — und der gedemütigte Bildhauer habe sich daraufhin aus Scham in die Donau gestürzt. Beides ist frei erfunden. Die Löwen haben sehr wohl Zungen; sie sind nur von der Straße aus, weit unten am Brückenkopf, schlicht nicht zu sehen. Marschalkó lebte nach der Aufstellung noch viele Jahre. Der Mythos hält sich trotzdem — weil ein gutes Detail überzeugender klingt als die nüchterne Perspektive.
Eine Spanne · 1791–1873
Aus einem Ingenieurs-Akt erschließt sich ein ganzes Zeitalter — von Széchenyis Geburt bis zur Vereinigung Budapests.
István Széchenyi wird am 21. September 1791 in eine der einflussreichsten Adelsfamilien Ungarns hineingeboren.
Die populäre Anekdote vom tagelangen Festsitzen in Pest — verbreitet, doch nicht gesichert belegt.
Széchenyi stiftet ein ganzes Jahreseinkommen seiner Güter zur Gründung der Ungarischen Akademie.
Seine Schrift über Kredit und Wirtschaft wird zum Programm der ungarischen Reformzeit.
William Tierney Clark entwirft die Hängebrücke über die Donau.
Unter Bauleitung von Adam Clark beginnt der Bau der ersten festen Donaubrücke.
Am 20. November 1849 verbindet die Lánchíd erstmals dauerhaft Buda und Pest.
Der „größte Ungar“ stirbt am 8. April 1860 in Oberdöbling bei Wien.
Buda, Óbuda und Pest verschmelzen offiziell zur Hauptstadt Budapest — die Brücke war ihr erster Akt.
Zerstörung & Wiederkehr
Am 18. Januar 1945 fiel die Brücke in die Donau. Auf den Tag genau hundert Jahre nach ihrer ersten Einweihung stand sie wieder.
Während der Belagerung von Budapest sprengte die zurückweichende deutsche Wehrmacht am 18. Januar 1945 die Brücke. Nur die steinernen Pfeiler blieben stehen; die Eisenkonstruktion und die Fahrbahn stürzten in den Fluss. Die Stadt verlor in jenen Wochen alle ihre Donaubrücken.
Der Wiederaufbau folgte den Originalplänen. Vier Jahre später, am 20. November 1949 — auf den Tag genau ein Jahrhundert nach der ersten Eröffnung — wurde die Kettenbrücke wieder freigegeben. Das Datum war kein Zufall, sondern eine Geste: ein Zeichen für die Widerstandskraft einer Stadt.
Exakt 100 Jahre
Das goldene Budapest
Aus zwei Ufern wurde eine Stadt — und die Kettenbrücke war ihr erster Bogen.
Die Lánchíd war mehr als eine Verbindung über das Wasser. Sie war der erste Akt jener Vereinigung, die 1873 Buda, Óbuda und Pest zur Belle-Époque-Metropole Budapest zusammenführte. Bis heute spannt sie sich, golden beleuchtet, über die Donau — Wahrzeichen einer Stadt und Denkmal eines Mannes, der zwei Ufer zusammendachte.