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Fassung · Opus 5

Zsolnay-Eosin · Lüsterglasur auf Pyrogranit

MagyarSzecesszió

Lechner Ödön & Zsolnay · Budapest und Pécs · 1885–1914

Eosin ist keine Farbe, sondern ein Winkel: Eine hauchdünne Schicht in der Glasur wirft das Licht zweimal zurück. Scrolle — der Blick senkt sich, das Dach wechselt die Farbe.

Aus der Aufsicht liegt das Dach tief im Smaragd: Die beiden zurückgeworfenen Wellenzüge löschen sich im Roten aus und verstärken sich im Grünen.

Im Streiflicht kippt derselbe Ziegel nach Gold und Granat. Vilmos Zsolnay taufte die Glasur 1893 nach Eos, der Göttin der Morgenröte.

Eosin ist keine Farbe, sondern ein Winkel: Eine hauchdünne Schicht in der Glasur wirft das Licht zweimal zurück, und je nach Blickwinkel verstärken oder löschen sich die beiden Wellenzüge. Deshalb wandert dieselbe Fläche von Smaragd über Gold nach Granat. Der Regler unten setzt den Blickwinkel — das Dach antwortet.

Worum es geht

Eine Formen­sprache, die es noch nicht gab

Um 1900 war Ungarn die zweite Hälfte einer Doppelmonarchie: mit eigenem Parlament, eigener Hauptstadt, eigenem Selbstbewusstsein — aber ohne eigene Architektursprache. Gebaut wurde, was Wien, Paris und Berlin vorgaben: Neorenaissance, Neogotik, Neobarock.

Die Magyar Szecesszió setzte dem etwas entgegen. Sie ist die ungarische Spielart des Jugendstils, verwandt mit der Wiener Secession und dem europäischen Art Nouveau — und doch eigenständig, weil sie aus drei Quellen schöpfte, die keine westliche Bewegung teilte.

Ihr Wortführer war Lechner Ödön. Die Generation nach ihm — die Fiatalok, „die Jungen", um Kós Károly — suchte dieselbe Identität noch weiter östlich, in der Holzarchitektur Siebenbürgens.

Volkskunst
Tulpen, Nelken und Ranken von bemalten Truhen, gestickten Hemden und geschnitzten Hirtenstäben — eine Bildsprache, die es seit Jahrhunderten gab, aber nie an einem Gebäude.
Der Osten
Persische, türkische und indische Vorbilder: gekachelte Kuppeln, flächiges Ornament. Für Lechner keine Exotik, sondern der Versuch, eine östliche Herkunft der Ungarn sichtbar zu machen.
Der Werkstoff
Pyrogranit und Eosin aus der Manufaktur Zsolnay in Pécs — Architekturkeramik, die Frost und Regen standhält. Ohne sie bliebe farbiges Ornament eine Innenraum-Angelegenheit.
Historisches Porträtfoto von Lechner Ödön: älterer Mann im dunklen Gehrock mit hoher Stirn und vollem, hellem Bart, im Halbprofil nach links.
Lechner Ödön (1845–1914). Historisches Porträtfoto, undatiert, gemeinfrei.

Der Architekt

Lechner Ödön

Geboren am 27. August 1845 in Pest, gestorben am 10. Juni 1914 in Budapest. Lechner wollte keinen Stil importieren. Sein Programm lässt sich in einem Satz zusammenfassen: Ungarn besaß keine eigene Formensprache — also musste eine erfunden werden. Nicht aus dem Nichts, sondern aus dem, was ohnehin da war.

Was die Bäuerin auf Leinen stickte, brannte Zsolnay in Ton.

Der Beiname „der ungarische Gaudí" ist eine spätere Zuschreibung. Sie meint die organischen Linien, die kühne Farbe und die keramischen Fassaden — keine Schülerschaft in irgendeine Richtung. Mehrere Schlüsselbauten Lechners entstanden sogar vor Gaudís bekanntesten Werken.

Was seine Häuser verbindet, ist eine Entscheidung, die Geld kostet: Das Ornament sitzt dort, wo es am aufwendigsten und am schwersten zu sehen ist — auf dem Dach.

Drei Häuser in Budapest

Drei Dächer, drei Farben

Grün-gold, bunt und tiefblau: Lechners Dächer sind gebrannte Argumente. Jedes Haus bekommt hier seine eigene Farbe.

Dach des Iparművészeti Múzeum in Budapest: schuppenförmige Zsolnay-Ziegel in Grün mit goldgelben Wabenmustern, dazwischen Firstkämme und Türmchen aus glasierter Keramik.
1893–1896

Iparművészeti Múzeum Museum für Angewandte Kunst

Lechners frühes Hauptwerk und bis heute sein bekanntestes Dach: Zehntausende glasierte Zsolnay-Ziegel in Grün und Gold, gelegt wie Schuppen, gekrönt von einer Kuppel im Wabenmuster. Im Inneren führt eine weiße, indisch anmutende Halle das Ornament weiter.

Bauzeit
1893–1896
Mit
Pártos Gyula
Eröffnet
1896, im Millenniumsjahr
Dachziegel
rund 115.000 (verbreitete Angabe)

Das Haus gilt als erstes Museum Europas, das nicht in einem historistischen Stil errichtet wurde — eine gängige Zuschreibung, kein amtlicher Rekord.

Attika der Königlich-Ungarischen Postsparkasse in Budapest: gelb glasierte Keramik-Bienenstöcke auf Pfeilern, geschwungene Giebel, geflügelte Fabelwesen und ein grün geschupptes Dach.
1900–1901

Postatakarékpénztár Königlich-Ungarische Postsparkasse

Das bunteste und verspielteste Haus. An den Pfeilern der Fassade klettern Keramik-Bienen aufwärts zu gelb glasierten Bienenstöcken — das Sparen als Bild, für jeden lesbar. Über der Attika sitzen geflügelte Schlangen, Vögel und Stierköpfe.

Bauzeit
1900–1901
Mit
Baumgarten Sándor
Motiv
Biene, Bienenstock, Sparen

Auf die Frage, warum ein Dach so reich geschmückt sei, das von der Straße kaum jemand sieht, soll Lechner geantwortet haben, die Vögel würden es sehen. Der Satz ist überliefert und ihm zugeschrieben — belegt ist er nicht.

Giebel des Ungarischen Geologischen Instituts in Budapest: tiefblau glasiertes Schuppendach mit gezacktem Firstkamm, darauf ein blauer Globus; am Giebelfeld blaue Keramikreliefs von Ammoniten und Fischen.
1896–1899

Földtani Intézet Ungarisches Geologisches Institut

Das Haus der Geologen trägt ein tiefblaues Dach; auf seinem First stützen vier Atlas-Figuren einen Globus. An der Fassade sitzen azurblaue Keramik-Fossilien, im Inneren wölben sich die Räume höhlenartig. Das Gebäude erklärt sein Fach, bevor man eintritt.

Beauftragt
1896
Eröffnet
1899
Dach
Azurblau glasiertes Pyrogranit

Der Musterbogen

Motive, die von der Truhe an die Traufe wanderten

Lechners Ornament kommt nicht aus dem Musterbuch der Akademie. Es kommt von bemalten Truhen, gestickten Hemden, Tellern und Hirtenstäben — aus einer Bildsprache, die in Ungarn jeder kannte und die niemand für Architektur ernst genommen hatte.

Ernst nehmen hieß bei ihm: in Ton brennen, glasieren und an die Traufe setzen. Die Zeichnungen hier sind Nachempfindungen im Volks-Duktus, keine Kopien konkreter Vorlagen.

Tulipán Tulpe

Das häufigste Motiv der ungarischen Volkskunst — auf Truhen, Hemden und Grabpfosten. Bei Lechner wandert es in die Fassadenkeramik.

Szegfű Nelke

Klassiker der Stickerei. Der gezackte Blütenfächer übersetzt sich mühelos in gepresste, glasierte Keramik.

Gránátalma Granatapfel

Über osmanische Textilien nach Ungarn gekommen — genau jene östliche Spur, auf die sich Lechner berief.

Kos szarva Widderhorn

Die Doppelspirale der Hirtenschnitzerei. Als Konsole, Gesimsabschluss und Firstkamm wie geschaffen.

Páva Pfau

Der Pfau gehört zu den bekanntesten Figuren des ungarischen Volkslieds. Sein Federauge liefert das runde Ornamentfeld.

Méhkas Bienenkorb

Kein Volksmotiv, sondern Lechners Zeichen für das Sparen: An der Postsparkasse sind die Bienenstöcke gelb glasiert.

Zsolnay · Pécs · seit 1853

Der Werkstoff kam aus Pécs

Ohne die Manufaktur Zsolnay wären Lechners Dächer Zeichnungen geblieben. 1853 in Pécs gegründet, ab 1863 von Vilmos Zsolnay (1828–1900) zur international beachteten Manufaktur ausgebaut, lieferte sie die beiden Erfindungen, ohne die es die ungarische Szecesszió in dieser Form nicht gäbe.

ÜBERDECKUNG Zeichnung · Schuppendeckung

Pyrogranit

eingeführt 1886

Bei hoher Temperatur gebrannte Architekturkeramik, säure- und frostfest. Erst sie machte glasiertes Ornament im Freien dauerhaft: Dachziegel, Firstkämme, Gesimse, ganze Fassaden. Auch Matthiaskirche, Parlament und Große Markthalle in Budapest tragen Zsolnay-Pyrogranit.

Zsolnay-Gefäß mit Eosin-Lüsterglasur: metallisch schimmernde Oberfläche, die zwischen Grün, Gold und Rotbraun changiert, mit erhabenem geometrischem Reliefdekor. Foto · Zsolnay-Gefäß mit Eosin-Glasur

Eosin

eingeführt 1893

Eine Lüsterglasur mit metallischem Schimmer: Hauchdünne Metallschichten in der Glasur werfen das Licht zweimal zurück; je nach Blickwinkel verstärken oder löschen sich die beiden Wellenzüge. Deshalb wechselt dieselbe Fläche zwischen Grün, Gold und Granatrot. Benannt nach Eos, der Göttin der Morgenröte.

Genau dieses Verhalten steuert der Blickwinkel-Regler am Seitenanfang: Die dortige Dachfläche wird aus dem Gangunterschied einer dünnen Schicht berechnet — ein vereinfachtes Modell, farblich auf die Eosin-Palette gestimmt.

Chronologie

Zwei Spuren, ein Jahrhundertende

Links wird der Werkstoff erfunden, rechts wird damit gebaut. Beide Spuren treffen sich 1893.

  1. 1853
    Werkstoff

    Zsolnay gegründet

    Miklós Zsolnay gründet die Keramikwerkstatt in Pécs.

  2. 1863
    Werkstoff

    Vilmos Zsolnay übernimmt

    Der Sohn baut die Werkstatt zur international beachteten Manufaktur aus.

  3. 1886
    Werkstoff

    Pyrogranit

    Frost- und säurefeste Architekturkeramik — das Material für farbige Dächer.

  4. 1893
    Werkstoff

    Eosin

    Die irisierende Lüsterglasur wird eingeführt und macht Zsolnay weltberühmt.

  5. 1893
    Bauwerk

    Baubeginn Iparművészeti Múzeum

    Lechner und Pártos beginnen den Bau des Museums für Angewandte Kunst.

  6. 1896
    Bauwerk

    Museum eröffnet

    Fertigstellung im Millenniumsjahr — das grün-goldene Dach steht.

  7. 1899
    Bauwerk

    Földtani Intézet eröffnet

    Das blaue Dach mit dem Globus auf vier Atlanten wird übergeben.

  8. 1900
    Werkstoff

    Vilmos Zsolnay stirbt

    Die Manufaktur führt Pyrogranit und Eosin ohne ihn weiter.

  9. 1901
    Bauwerk

    Postatakarékpénztár fertig

    Bienen, Bienenstöcke und ein Dach für die Vögel.

  10. 1914
    Bauwerk

    Lechner stirbt

    Am 10. Juni in Budapest, wenige Wochen vor Kriegsbeginn.

Vermächtnis

Was bleibt, liegt oben

Lechner starb 1914, kurz bevor der Krieg die Doppelmonarchie beendete. Sein Programm — eine Architektur, die man an keinem anderen Ort der Welt gebaut hätte — überlebte in den Dächern.

UNESCO

Mehrere Bauten Lechner Ödöns stehen auf der ungarischen Vorschlagsliste (Tentativliste) für das Welterbe.

Pécs

Die Manufaktur arbeitet bis heute; das Zsolnay-Kulturviertel in Pécs macht Pyrogranit und Eosin begehbar.

Budapest

Glasierte Dächer prägen das Stadtbild — von der Matthiaskirche bis zur Großen Markthalle. Die Szecesszió wurde zum Identitätszeichen.