Ungarische Volksstickerei · Mezőkövesd & Kalocsa · UNESCO 2012
Diese Seite redet nicht über die Stickerei — sie stickt sie. Faden für Faden, beim Scrollen, blüht das Ornament aus dem Schwarz.
In zwei ungarischen Landschaften haben Frauen über Generationen dieselbe Sprache gesprochen — die der Nadel. Im Norden, rund um Mezőkövesd, glüht die Matyó-Rose rot auf tiefem Schwarz. Im Süden, rund um Kalocsa, öffnet sich ein ganzes Blumenfeld in Rosa, Blau und Gold.
Stickerei (hímzés) war hier nie nur Schmuck. Sie war Identität, Festkleid, Erbe — und Gemeinschaftsarbeit, die den Frauen ein Zusatzeinkommen brachte. 2012 nahm die UNESCO die Volkskunst der Matyó in die Repräsentative Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf.
Rot auf Schwarz. Die volle, geschichtete Matyó-Rose, dazu Vögel, Blätter, „Katzenschwanz“-Spiralen. Streng im Grund, üppig in der Blüte.
Das volle Bunt. Rose und Tulpe, Paprika und Ranke — zuerst rein weiß, dann vielfarbig. Gezeichnet, gestickt und gemalt von Frauen.
Die Matyó sind eine römisch-katholische Volksgruppe in Nordungarn. Ihr Charaktermotiv ist die volle, geschichtete Rose — die „Matyó-Rose“. Rot ist die wichtigste Farbe; man nennt es die „rote Freude“. Ursprünglich stickte man nur in Rot und Blau, später vielfarbig — immer leuchtend auf dem schwarzen Grund der Festtagstracht.
Die Farben tragen volkstümliche Bedeutungen: Rot die Freude, Gelb die Sonne, Schwarz die Erde. Grün soll nach dem Ersten Weltkrieg zur Trauerfarbe geworden sein — eine schöne Anekdote, keine feste Lehre.
Bevor ein einziger Stich fällt, muss jemand das Muster erfinden. Bei den Matyó war das vor allem Kisjankó Bori — eigentlich Borbála Molnár (1876–1954) aus Mezőkövesd, die wohl berühmteste Musterzeichnerin der Tradition. Sie entwarf neue Blumen, neue Ranken, neue Anordnungen und prägte den reichen floralen Stil maßgeblich.
„Sie wurde zur Meisterin der Volkskunst ernannt — das Muster entstand zuerst in ihrer Hand.“
Ihre Rolle ist die der íróasszony — der „schreibenden Frau“, die das Muster freihändig vorzeichnet. Nach ihr ist das Kisjankó-Bori-Heimatmuseum in Mezőkövesd benannt.
Die Kalocsa-Stickerei begann nicht farbig. Auf Laken und Tischtüchern stickte man zunächst rein weiß — Faden in der Farbe des Leinens, sichtbar nur durch das Spiel von Licht und Schatten im Relief der Stiche. Erst im frühen 20. Jahrhundert, mit haltbaren Garnen, brach die Farbe hervor.
In den Dörfern um Kalocsa leben drei verbundene Künste — und alle drei tragen bis heute die Frauen. Aus dem freien Vorzeichnen wuchs die Stickerei, aus der Stickerei die Wandmalerei. Die Erfindungsgabe und der Farbreichtum der íróasszonyok gelten als das Herz dieser Volkskunst.
Das freihändige Vorzeichnen des Musters auf den Stoff — ohne Schablone, direkt aus dem Kopf. Daher heißt die Technik írásos, „geschrieben“.
Das Ausfüllen der vorgezeichneten Flächen mit Faden — Rose und Tulpe, Veilchen, Paprika. Sechs typische Farbkombinationen, von Bordeaux bis Kornblumenblau.
Dieselben Blumen, freihändig an Wände und Möbel gemalt — die Stube wird zum gestickten Raum. Auch sie eine Kunst der Frauen.
So entsteht jedes Muster: Links zeichnet die íróasszony die Blüte freihändig vor — eine dünne, sichere Linie. Rechts füllen sich dieselben Flächen Stich für Stich mit Faden, bis die Blume steht. Scrolle, um beides nebeneinander wachsen zu sehen.
Die kurzen, gleichmäßigen Striche sind keine glatte Linie — sie sind einzelne Stiche. Genau darin liegt der Charakter: Man sieht den Faden, nicht die Zeichnung.
Immer wiederkehrende Motive — jedes ein eigenes Mini-Muster, prozedural gestickt im Volks-Duktus.
Die geschichtete Königin der Tracht — Freude und Festlichkeit.
Kalocsas Lieblingsblume — ein altes ungarisches Sinnbild der Liebe.
Volle, runde Blüte — Fülle und Überfluss des Frühsommers.
Klein und blau zwischen den großen Blüten — Bescheidenheit.
Weiße Glöckchen an gebogenem Stiel — Reinheit und Frühling.
Das Wahrzeichen Kalocsas, rot wie die Ernte — selbst zur Blume geworden.
Getragen von Frauen, weitergegeben von Hand zu Hand — die Stickerei der Matyó und von Kalocsa ist kein Museumsstück, sondern eine lebende Sprache. Sie reicht heute in Mode, Innenraum und Design hinein, ohne ihre Wurzeln zu verlieren.
Mit dem Aufkommen des Drucks in Kalocsa entwickelt sich die Stickerei im engeren Sinn.
Die Kalocsa-Volkskunst kommt ins Ungarische Nationalverzeichnis des immateriellen Kulturerbes.
UNESCO nimmt die Volkskunst der Matyó in die Repräsentative Liste der Menschheit auf.
Die Kalocsa-Volkskunst wird offiziell zum Hungarikum erklärt.