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Sternennacht

Vincent van Gogh  ·  1853–1890

Im Juni 1889, eingewiesen in eine Heilanstalt bei Saint-Rémy, malte van Gogh aus dem Gedächtnis einen Nachthimmel, der sich bis heute dreht.

Geboren 30. März 1853, Zundert Gestorben 29. Juli 1890, Auvers „Die Sternennacht" · 1889 · MoMA
Eintreten
§ 01 — Entstehung

Gemalt bei Tag, aus der Erinnerung

Das berühmteste Nachtbild der Kunstgeschichte entstand nicht unter freiem Himmel.

„Die Sternennacht" entstand im Juni 1889 in der Heilanstalt Saint-Paul-de-Mausole bei Saint-Rémy-de-Provence, in die sich van Gogh nach der Krise von Arles freiwillig begeben hatte. Aus dem vergitterten Fenster seines Zimmers blickte er nach Osten — auf die Hügelkette der Alpilles und den Himmel kurz vor Sonnenaufgang.

Doch er malte nicht ab, was er sah. Er arbeitete tagsüber, aus dem Gedächtnis und der Vorstellung, in mehreren Sitzungen. Den wirbelnden Himmel, die elf überdimensionalen Sterne und die helle Mondsichel erfand er ebenso wie das schlafende Dorf mit dem schlanken Kirchturm — ein nordisch-spitzer Turm, wie er in der Provence gar nicht steht. Allein die dunkle Zypresse holte er nah an den Betrachter heran, als Brücke zwischen Erde und Firmament.

Ausschnitt aus „Die Sternennacht
Ausschnitt · der Wirbel & die Zypresse 1889
Ort
Saint-Rémy
Entstanden
Juni 1889
Technik
Öl auf Leinwand
Maße
73,7 × 92,1 cm
Seit 1941
MoMA, New York
§ 02 — Das Bild lesen

Fünf Punkte, fünf Geschichten

Tippen Sie die leuchtenden Punkte an — jedes Bildelement erzählt etwas anderes.

Die Sternennacht (1889) von Vincent van Gogh in voller Ansicht: ein wirbelnder Nachthimmel mit elf Sternen und einer Mondsichel über einem schlafenden Dorf, links eine dunkle Zypresse.
§ 03 — Leben

Zundert, Paris, Arles, Saint-Rémy, Auvers

Knapp zehn Jahre Malerei — verdichtet zu einem der bewegtesten Lebensläufe der Kunst.

1853
Zundert · Niederlande

Vincent Willem van Gogh wird am 30. März in eine protestantische Pfarrersfamilie geboren.

1869–76
Den Haag · London · Paris

Kunsthändler bei Goupil & Cie, später Hilfslehrer und Laienprediger. Der Beruf will nicht halten.

1880
Borinage · Brüssel

Mit 27 der Entschluss, Künstler zu werden. Von hier an trägt ihn sein Bruder Theo ein Leben lang finanziell und seelisch.

1885
Nuenen

„Die Kartoffelesser" — erdige, dunkle Bauernbilder. Die Palette ist noch braun und schwer.

1886–88
Paris

Begegnung mit Impressionismus und Pointillismus. Die Farben werden hell, die Striche kürzer und freier.

1888
Arles · Das „Gelbe Haus"

Eine glühende Schaffensphase: Sonnenblumen, Caféterrasse, das Schlafzimmer. Ende Dezember die Krise und die Verletzung des eigenen Ohrs nach dem Zerwürfnis mit Paul Gauguin.

Mai 1889
Saint-Rémy-de-Provence

Freiwillige Einweisung in die Anstalt Saint-Paul-de-Mausole. Zwischen den Anfällen malt er unablässig — hier entsteht „Die Sternennacht".

1890
Auvers-sur-Oise

Unter Obhut von Dr. Paul Gachet entstehen rund 70 Bilder in etwa 70 Tagen. Am 29. Juli stirbt Vincent mit 37 Jahren an den Folgen einer Schussverletzung — nach überlieferter Lesart durch eigene Hand.

§ 04 — Briefe an Theo

„Dann gehe ich nachts hinaus, um die Sterne zu malen"

Über 800 Briefe sind erhalten, die meisten an seinen Bruder Theo — eine der wichtigsten Selbstzeugnis-Quellen der Kunstgeschichte und heute gemeinfrei. In ihnen denkt van Gogh über Farbe, Glaube und Tod nach, lange bevor er die Sternennacht malt.

Ich habe ein ungeheures Bedürfnis nach — soll ich das Wort sagen — nach Religion; dann gehe ich nachts hinaus, um die Sterne zu malen.
An Theo van Gogh Arles, September 1888 Brief 691
So, wie wir den Zug nehmen, um nach Tarascon oder Rouen zu fahren, nehmen wir den Tod, um zu einem Stern zu gelangen.
An Theo van Gogh Arles, Juli 1888 Brief 638
Oft scheint mir die Nacht noch viel lebendiger und reicher gefärbt als der Tag.
An Theo van Gogh Arles, September 1888 Brief 676
§ 05 — Werke

Rund 900 Gemälde in zehn Jahren

Eine kleine Auswahl gemeinfreier Hauptwerke — echte Reproduktionen, nichts Nachgestelltes.

„Sonnenblumen
SonnenblumenArles1888
„Caféterrasse am Abend
Caféterrasse am AbendArles1888
„Das Schlafzimmer
Das SchlafzimmerArles1888
Selbstbildnis (1889) von Vincent van Gogh vor wirbelnd-blauem Hintergrund, im blaugrauen Rock.
SelbstbildnisSaint-Rémy1889
„Mandelblüte
MandelblüteSaint-Rémy1890
„Weizenfeld mit Krähen
Weizenfeld mit KrähenAuvers-sur-Oise1890
§ 06 — Technik

Farbe als Gefühl

Statt zu versuchen, genau wiederzugeben, was ich vor Augen habe, gebrauche ich die Farbe willkürlicher, um mich kräftiger auszudrücken.
Vincent van Gogh an Theo · Arles, August 1888 · Brief 663

Impasto

Van Gogh trug die Farbe oft direkt aus der Tube auf, in dicken, gerichteten Strichen. Die Spur des Pinsels bleibt sichtbar — das Bild wird zur Landschaft aus Farbe.

Komplementärkontrast

Er suchte den Zusammenstoß gegensätzlicher Farben — das Chromgelb der Sterne gegen das Kobalt- und Preußischblau des Himmels —, damit beide umso stärker leuchten.

Bewegung & Rhythmus

Wellen, Spiralen und Wirbel ordnen die Striche zu einem Puls. Selbst der ruhende Himmel scheint zu atmen.

§ 07 — Vermächtnis

Zu Lebzeiten fast unverkauft

In rund zehn Jahren schuf van Gogh etwa 900 Gemälde und 1100 Zeichnungen — und verkaufte kommerziell so gut wie nichts. Als das meistgenannte zu Lebzeiten verkaufte Werk gilt „Der rote Weinberg" (1888); einzelne weitere Verkäufe und Tausche sind belegt, doch ein Auskommen wurde daraus nie.

Der Weltruhm kam posthum — wesentlich durch Theos Witwe Jo van Gogh-Bonger, die nach dem frühen Tod beider Brüder den Nachlass hütete: Sie sammelte die Bilder, gab die Briefe heraus und stellte das Werk unermüdlich aus, bis die Welt es sah. 1941 ging „Die Sternennacht" als Vermächtnis von Lillie P. Bliss an das MoMA in New York.

~900Gemäldein etwa 10 Jahren
~1100ZeichnungenSkizzen & Studien
~800Briefegroßteils an Theo · gemeinfrei
37Jahre alt1853 – 1890
1zu Lebzeiten verkauftmeistgenannte Lesart
1941ins MoMANew York