Übersicht
ΚΕΡΑΜΕΙΚΟΣ  ·  attisch  ·  6.–5. Jh. v. Chr.

SCHWARZ&ROT

Die griechische Vasenmalerei. Zwei Farben, ein Ton, ein Feuer — und Götter und Helden, die sich um das Gefäß wickeln. Fassen Sie die Vase an und drehen Sie sie: das Bild hat keinen Anfang und kein Ende.

Ziehen zum Drehen  ·  oben rechts: Technik wechseln
KI-Illustration im attischen Stil: schwarzfigurige Amphore — zwei behelmte Krieger über ein Spielbrett gebeugt, Figuren als schwarze Silhouetten mit eingeritzter Binnenzeichnung auf Terrakotta-Tongrund, Mäander-Bordüre.
KI-Illustration · die Hero-Vase, schwarzfigurig. Drehung ist auf diesem Gerät deaktiviert.
I Die Vase ist rund

Ein Bild ohne Rand

Eine attische Vase ist zugleich Werkzeug und Bilderbuch — und sie ist rund. Die Maler arbeiteten nicht auf einer Tafel mit vier Kanten, sondern auf einem gewölbten Körper, der sich dreht. Die Szene hat keinen Anfang und kein Ende; sie läuft um das Gefäß, schmal an Hals und Fuß, weit über dem Bauch.

Jede Form hatte ihren Gebrauch, und das Bild gehörte dazu: Auf Mischgefäßen sieht man das Gelage, auf Trinkschalen Symposiumsszenen, auf Grabgefäßen den Abschied. Wer eine Vase benutzte, drehte sie in der Hand — und las dabei eine Geschichte, die sich genau so weiterdrehte. Über und unter der Szene läuft fast immer ein Mäander, der „griechische Schlüssel": ein Band ohne Ende, das die runde Erzählung rahmt.

Über zweitausend Jahre später sind diese Gefäße eine unserer wichtigsten Quellen für das Bild der griechischen Welt: Mythos und Alltag, Götter und Handwerker, alles auf gebrannte Erde gesetzt.

II Schwarz oder Rot

Dieselbe Figur, einmal positiv, einmal negativ

Es gibt zwei große Bildtechniken — und sie sind ein Positiv/Negativ-Paar derselben Idee. Schalten Sie oben rechts um: dieselbe Szene, einmal schwarzfigurig, einmal rotfigurig.

KI-Illustration im attischen Stil: schwarzfigurige Fassung — die Figuren als schwarze Silhouetten auf dem Tongrund, Binnenzeichnung in den Schlicker eingeritzt.
SchwarzfigurigFiguren als schwarze Silhouette · Innendetails eingeritzt
KI-Illustration im attischen Stil: rotfigurige Fassung derselben Szene — die Figuren tonfarben ausgespart, der Hintergrund schwarz, Binnenzeichnung mit dem Pinsel gemalt.
RotfigurigFiguren ausgespart · Innendetails gemalt

KI-Illustrationen im attischen Seitenstil (dieselbe Szene, nur die Maltechnik invertiert) — keine echten Museumsstücke.

Das ältere Verfahren: Schwarzfigur

In Korinth im 7. Jahrhundert v. Chr. entstanden, in Athen ab dem späten 7./frühen 6. Jahrhundert zur Meisterschaft geführt: Die Figuren werden als Silhouette mit eisenhaltigem Tonschlicker auf den Gefäßkörper gemalt. Die Innenzeichnung — Falten, Muskeln, Helmbusch — wird mit einer Ritznadel in den Schlicker geritzt, so dass der rote Tongrund durchscheint. Weiß und Purpur werden zusätzlich aufgemalt.

Die Erfindung um 530–525 v. Chr.: Rotfigur

In Athen wird das Verfahren umgekehrt: Nicht mehr die Figur, sondern der Hintergrund wird mit Schlicker bedeckt und brennt schwarz; die Figuren bleiben in der roten Tonfarbe ausgespart, ihre Binnenzeichnung wird nun mit dem Pinsel aufgetragen. Das erlaubt feinere Anatomie, Faltenwurf und Verkürzung — und genau deshalb verdrängte die Rotfigur die ältere Technik. Die Erfindung wird traditionell dem Andokides-Maler zugeschrieben, vermutlich aus der Werkstatt des Exekias. Bilinguale Vasen tragen dasselbe Motiv schwarzfigurig auf der einen, rotfigurig auf der anderen Seite — der Beweis des Stilwechsels.

III Das Wunder im Ofen

Ein Ton, zwei Farben

Das Schwarz ist kein Lack und keine zweite Farbe. Es ist derselbe eisenhaltige Tonschlicker wie der Gefäßkörper — nur feiner geschlämmt. Schwarz und Rot entstehen allein im Dreiphasenbrand, durch nichts als Luft und Feuer.

Temperaturen ca. — die Quellen schwanken; entscheidend ist die Dreiphasen-Logik: oxidierend → reduzierend → oxidierend.

IV Die Formen

Jedes Gefäß ein Gebrauch

Vorrat, Mischen, Trinken, Wasser, Gießen, Öl — die Form folgt der Funktion, und das Bild folgt der Form.

Amphora
ἀμφορεύς
Zweihenkliges Vorrats- und Transportgefäß für Wein, Öl oder Getreide — auch als Preisamphora der Panathenäen.
Krater
κρατήρ
Großes, weit geöffnetes Mischgefäß: im Symposion mischte man darin den Wein mit Wasser — ungemischt galt er als barbarisch.
Kylix
κύλιξ
Flache, zweihenklige Trinkschale mit Fuß. Das Innenbild — der Tondo — erscheint erst, wenn die Schale leergetrunken ist.
Hydria
ὑδρία
Wasserkrug mit drei Henkeln — zwei zum Tragen, einer zum Gießen. Die Form erzählt vom Gang zum Brunnen.
Oinochoe
οἰνοχόη
Einhenklige Weinkanne — der „Weingießer" mit kleeblattförmigem Ausguss, der den Wein aus dem Krater schöpfte.
Lekythos
λήκυθος
Schlankes Öl- und Salbgefäß. In weißgrundiger Form eine Grabbeigabe — oft polychrom, zart und vergänglich.
V Das Symposion
VI Die Hände dahinter

Wer malte, wer machte

Manche Vasen tragen Signaturen — mit zwei Verben. Maler und Töpfer konnten dieselbe oder verschiedene Personen sein.

ἔγραψεν
egraphsen — „… malte [mich]"
ἐποίησεν
epoiesen — „… machte / töpferte [mich]"
Exekias
Meister der Schwarzfigur
Signierte als Maler und Töpfer. Seine Amphora im Vatikan zeigt Achill und Ajax beim Brettspiel; daneben die Würfelwürfe τέσσαρα (vier) bei Achill, τρία (drei) bei Ajax. Auch die Dionysos-Schale stammt von ihm.
Andokides-Maler
Pionier der Rotfigur
Gilt als (Mit-)Erfinder der neuen Technik, in der Werkstatt des Töpfers Andokides. Schuf bilinguale Vergleichsstücke — dasselbe Motiv schwarz- und rotfigurig.
Euphronios
Pionier der frühen Rotfigur
Einer der „Pioniere". Sein berühmtester Krater zeigt den Tod des Sarpedon — getöpfert von Euxitheos, bemalt von Euphronios, um 515 v. Chr.
Berliner Maler · Douris · Brygos-Maler
Strenge & feine Rotfigur
Weitere große Hände der klassischen Rotfigur; der Amasis-Maler gehört zu den Meistern der späten Schwarzfigur.

Notnamen. Die meisten Maler sind namentlich unbekannt. Man benennt sie nach einem charakteristischen Werk, einem Aufbewahrungsort oder ihrem Töpfer — „Maler des …". Diese Zuschreibung nach Stil-Handschrift geht maßgeblich auf den Forscher Sir John Beazley zurück: keine gesicherte Identität, sondern eine Attribution nach Hand und Auge.

VII Die Mythen auf dem Ton
VIII Sarpedon kehrt heim
Foto des Euphronios-Kraters (Sarpedon-Krater): attischer rotfiguriger Kelchkrater. Auf dem Bauchbild der Vorderseite heben Hypnos (Schlaf) und Thanatos (Tod) den gefallenen Sarpedon empor, Hermes steht in der Mitte, flankiert von gewappneten Kriegern.
Der echte Euphronios-Krater. Töpfer Euxitheos, Maler Euphronios, um 515 v. Chr. · Foto: ArchaiOptix, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.

Ein Krater und seine Reise

Auf dem Bauchbild tragen Hypnos (Schlaf) und Thanatos (Tod) den gefallenen Sarpedon aus der Ilias empor; Hermes geleitet ihn. Es ist eines der größten Bilder der frühen Rotfigur.

Viele attische Spitzenstücke fanden sich in etruskischen Gräbern in Italien — begehrte Exportware. Auch dieser Krater kam aus einem solchen Kontext, und seine moderne Geschichte wurde zu einem Schlüsselfall der Debatte um Raubgrabung und Restitution.

  • ~515 v. Chr.
    Euxitheos töpfert, Euphronios malt den Krater.
  • 1972
    Das Metropolitan Museum in New York erwirbt ihn für eine Million Dollar.
  • danach
    Die Herkunft aus einem etruskischen Grab gilt später als wahrscheinlich; das Met räumt einen problematischen Fundkontext ein.
  • 18. Jan. 2008
    Rückgabe an Italien. Der Krater steht heute u. a. in Cerveteri / der Villa Giulia.
Foto der schwarzfigurigen Bauchamphora des Exekias: Achilleus und Aias sitzen über ein Spielbrett gebeugt, würfelnd; Innendetails sind fein in den Schlicker eingeritzt.
Zum Vergleich, schwarzfigurig: Exekias, Achilleus und Aias beim Brettspiel, ~540–530 v. Chr. · Foto: Jakob Bådagård, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.