Ein kreuzförmiges Muster auf einem Röntgenfilm — und der Bauplan jeder lebenden Zelle. Die Geschichte der DNA, von Rosalind Franklins „Photo 51" zur berühmtesten Struktur der Biologie.
Die DNA ist eine Doppelhelix: zwei antiparallele Stränge aus Zucker und Phosphat, die sich umeinander winden. Nach innen weisen die Basen — und sie passen immer nur in einer Weise zusammen.
Adenin paart mit Thymin (über zwei Wasserstoffbrücken), Guanin mit Cytosin (über drei). Diese feste Komplementarität ist der ganze Trick: Jeder Strang trägt die exakte Vorlage für den anderen — die Grundlage dafür, dass sich Erbgut kopieren lässt.
Chargaffs Regeln (um 1950) hatten es schon angedeutet: In jeder DNA gilt Menge(A) = Menge(T) und Menge(G) = Menge(C). Ein leiser, entscheidender Hinweis auf die Paarung.
Im Mai 1952 nahm Rosalind Franklin, Expertin für Röntgenkristallographie, mit ihrem Doktoranden Raymond Gosling am King's College London die Aufnahme auf, die als „Photo 51" berühmt wurde — das schärfste Beugungsbild der feuchten B-Form der DNA.
Ein helikales Molekül streut Röntgenstrahlen zu einem charakteristischen Kreuz. Aus den Winkeln und Abständen der Reflexe lassen sich Ganghöhe, Steigung und Durchmesser direkt ablesen. Das Bild war kein Schnappschuss — es war eine Messung.
Das Beugungskreuz lesen
Tippe auf einen der Messpunkte im Bild — er erklärt, welcher Abstand welchen Helix-Parameter verrät.
↳ Das oben gezeigte Muster ist eine prozedurale Nachbildung. Das reale „Photo 51" liegt im Urheberrecht des King's College London und wird hier bewusst nicht reproduziert.
In Cambridge bauten James Watson und Francis Crick das Doppelhelix-Modell und veröffentlichten es am 25. April 1953 in Nature. Im selben Heft erschienen stützende Arbeiten von Maurice Wilkins sowie von Franklin & Gosling.
It has not escaped our notice that the specific pairing we have postulated immediately suggests a possible copying mechanism for the genetic material.
Maurice Wilkins, Franklins Kollege am King's, zeigte Watson Anfang 1953 das Photo 51 — ohne Franklins Wissen oder Zustimmung. Zusätzlich gelangte ein interner MRC-Bericht mit ihren Messdaten über Max Perutz an die Cambridge-Gruppe.
Watson und Crick nutzten diese Daten, ohne dass Franklin davon erfuhr. Das ist die Tatsache — ohne Empörungston, aber auch ohne Beschönigung.
Der Nobelpreis für Medizin 1962 ging an Watson, Crick und Wilkins. Rosalind Franklin war zu diesem Zeitpunkt seit vier Jahren tot — gestorben am 16. April 1958 mit nur 37 Jahren an Eierstockkrebs, vermutlich mitverursacht durch ihre Strahlenbelastung.
Der Nobelpreis wird nicht posthum verliehen. Sie konnte 1962 also gar nicht mehr geehrt werden — das ist kein Sexismus bei der Preisvergabe. Die Ungleichbehandlung liegt früher: in der Nutzung ihrer Daten und in der Geringschätzung zu Lebzeiten. Beides zu vermischen wird der Sache nicht gerecht.
Ein vielbeachteter Kommentar von Matthew Cobb & Nathaniel Comfort rückt das Bild zurecht: Franklin wusste selbst, dass die DNA helikal ist, war über die Zusammenarbeit der Gruppen besser im Bilde als lange erzählt — und war eine gleichwertige Beitragende, keine bloße Datenlieferantin und kein passives Opfer.
Sie kämpfte gegen den alltäglichen Sexismus ihrer Zeit. Ihren Beitrag fair darzustellen heißt, sie als Wissenschaftlerin auf Augenhöhe zu zeigen — nicht als tragische Randfigur.
Und Franklin war weit mehr als „Photo 51": brillante Arbeiten zur Mikrostruktur von Kohle und Graphit, später am Birkbeck College zur Struktur von Viren (Tabakmosaikvirus, Poliovirus).
Die Doppelhelix begründete die Molekularbiologie. Was als ein kreuzförmiger Schatten auf Film begann, führte direkt zum genetischen Code, zur Entzifferung ganzer Genome und zur gezielten Bearbeitung der DNA selbst.
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Der ESA-Mars-Rover „Rosalind Franklin", Institute und Lehrstühle tragen heute breit ihren Namen.